Anton Kippenberg


1924


Wir weltseitigen Deutschen«, sagt einmal Jean Paul, und dies schöne Wort, das seitdem wieder dem Sprachgebrauch verlorengegangen ist, liebe ich sehr. Denn es drückt eine manchen Naturen und gerade deutschen Naturen durchaus eigentümliche Disposition unübertrefflich aus: mit der einen Seite des Wesens (während die andere in sich, in Erde, Blut und Stamm verhaftet ruht) der ganzen Welt zugewandt und allen ihren Erscheinungen lebendiger Spiegel zu sein. Diesen Zug ins Universale, dieses Weltsein inmitten der Welt, vielfach tätig und allen Formen nachbildnerisch aufgetan, hat Goethe in einziger Gestalt Deutschland vorgelebt: nichts aber wäre irriger, als ihn, weil den Gewaltigsten, den Umfassendsten, als eine Einmaligkeit dieser Weltform zu nehmen. Im Gegenteil, er prägt nur, weil von sprachlich edlerem Metall und von größerer Wucht des Wesens, jenen Zug ins Universale vorbildlich aus, der vielen Menschen und insbesondere den Deutschen, eben jenen »weltseitigen Deutschen«, eingeboren ist und da sich vielfältig bloß in stilleren Formen, in anonymeren Werken, oft nur in ihrer privaten Existenz verwirklicht. Meist ist kein anderes Kennzeichen dieser weltseitigen Wesensart erkenntlich als das stille, kreishafte, ebenmäßig wachsende Werden ihrer Persönlichkeit und ihres Werkes, dies allmählich Welt-Werden eines innern Kernes: aber was solche Menschen beginnen, ist tingiert von jener geheimnisvollen Art der stillen, geduldig sich dehnenden Schichtung; und was sie schaffen, hat jene wie einen Mantel groß um sich geschlagene Weite des Alls, den unsichtbaren Luftraum. Das Gesetz aber, das ihre Art bedingt, wirkt sich stufenhaft in ihrer Tätigkeit eigentümlich fort. All das, was wir »Kultur« und »Bildung« neumodisch und oft provokatorisch benennen, war längst in jenem klaren Worte Jean Pauls schweigend subsumiert: Trieb dem All entgegen, Wille, aus einem einzelnen Wesen eine Welt zu werden und alles Tun mit diesem gesteigerten Anspruch zu erfüllen.


Sehen wir nun inmitten der deutschen verwirrten Zeit ein Gebilde wie den Insel-Verlag, das im höchsten Sinne diese Forderung der Weltseitigkeit erfüllt, das hinabgreift in den dunkelsten Ursprung der Sprachzeit, von der Klassik bis in die Gegenwart seinen Bogen spannt, das in allen erdenklichen Formen der Verschwendung und der Einfachheit die Natur spiegelt, das wahrhaft ein Orbis literarum ist, ohne aber einen bestimmten konstruktiven Plan zu materialisieren, ein theoretisches Programm zu erfüllen, so müssen wir diese lebendige Form notwendigerweise als Wesensspiegelung eines Menschen empfinden, eines solchen »weltseitigen Deutschen«, der sich hier in einem Werke zu höchster Verwirklichung gebracht hat. Und wenn wir nun erinnernd die Bildniszüge des bewährten Führers, wenn wir das Charakterhoroskop Anton Kippenbergs überprüfen, so finden wir tatsächlich jene innere Schichtung in selten klar und energisch ausgeprägter Form. Kein einzelner Neigungszug ist herrschend oder sonderlich präponderand in seinem Tun, alle Fähigkeiten sind in einem gewissen Einklang entwickelt. Auf einem sichern Bildungsfundament, zementiert aus den alten Sprachen, ergänzt durch die neuen, ausgewogen durch Musik, wachsen diesem Manne die verschiedenartigsten Möglichkeiten entgegen, deren jede er durch Vereinzelung des Willens zu außerordentlicher Erfüllung gebracht hätte. Der Künstler ist in ihm stark vorgebildet, dichterische Anfänge sind vielfach eingepflanzt. Der Gelehrte ist durch Neigung und Begabung durchaus bereit: ein wenig Einschränkung im Weltwirken, ein wenig Bescheidung in der Aufgabe, und Kippenberg wäre heute einer unserer führenden Germanisten, Meisterphilologe, so wie er gleichsam privat einer der besten Goethephilologen geworden ist. Klarsinn wiederum und energische Bereitheit des Entschlusses prädestinieren den Kaufmann in ihm, den Organisator großen Stils, somit die Wirkung in das öffentliche und selbst Politische, während das Sammlerische, das Bibliophile andererseits eine ganz private, ganz in sich gezogene Existenz hätte formen können. Die eingeborene Neigung zum Universalismus nun, zur Weltseitigkeit hat alle diese Möglichkeiten organisch gebunden zu einer Gesamtheit, die eben nur im Werke sichtbar ward, in der außerpersönlichen Gestaltung. Nicht sprunghaft sind die einzelnen Neigungen einander vorangegangen, sich überholend und ersetzend, sondern in ruhiger Gleichmäßigkeit, in einem organischen Wachstum haben sie sich allmählich verbunden und der Persönlichkeit ihre Breite gegeben. Darum ist auch Kippenberg eigentlich erst spät in sichtbare Erscheinung getreten; ein, beinahe zwei Jahrzehnte wußten nur ganz wenige von dem Manne, der den Insel-Verlag gestaltete, so sehr war sein Profil verschattet, so sehr er ganz unsichtbar in das Wirken eingegangen. Und nun sein Wesen sichtbar wird, geschieht es nicht durch seinen Willen, sondern durch sein Werk.


Kreishaftes, ruhiges kristallinisches, vom Mittelpunkt aus gleichmäßig vordringendes Wachstum, dem Ringansetzen des Baumstammes vergleichbar: diesen – nach meinem Empfinden entscheidenden – Zug hat erst Kippenberg der Insel aufgeprägt oder besser gesagt: eingelebt. Die Kreisform war zwar von Anbeginn dem Verlage eingebaut, aber dieser Kreis umschloß, als er den Verlag übernahm, nur eine bestimmte erlesene Enge, war ein starrer Ring, ein metallener Ring, der das Wachstum verschloß, seine Form also eigentlich antiuniversal, antipopulär, streng eklektisch und abweisend, in Form und Inhalt der rechte »tour d’ivoire«, der elfenbeinerne Turm, zugänglich nur den Eingeweihten und den Begüterten. Er umschloß nur eine Spanne Zeit, ein siebenfach gesiebtes Stück neuzeitlicher Erde, er war, wie der Name glücklich sagte, als ein Begrenztes abgeschieden von der lebendigen Flut. Niemand wird heute die Schönheit, die Notwendigkeit jener ursprünglichen Isolierung verkennen, jene musterhafte Tradition der Sauberkeit und Zucht, die da vorgebildet und später dem ins Weite wachsenden Unternehmen unendlich heilsam wurde. Aber die Kunst war in Gefahr, durch die Absonderung von dem Volke, von der Zeit zur Künstlichkeit zu verdünnen, in dem luftleeren gesperrten Räume zu petrifizieren und das Fruchthafte der Verwandlung einzubüßen. Irgend etwas Steriles war in dieser ursprünglichen Idee der Insel, ein Unorganisches, Antiuniversales, es mußte ein lebendiger Mensch kommen, um mit seinem Leben die Idee erst wahrhaft zu verlebendigen.


Das Erste, das Wesentlichste, das Kippenberg damals tat, war, dem vorgebauten Kreise einen Mittelpunkt zu finden, eine Urzelle voll lebendiger, zeugender Keimkraft. Und das gelang ihm, indem er Goethe in den Mittelpunkt des Verlages stellte, ihn, den ausstrahlendsten, unerschöpfbarsten, keimträchtigsten Genius unserer deutschen Welt. Damit schien scheinbar der Zeiger der Zeit zurückgerückt, der Verlag entmodernisiert. In Wahrheit aber ist dieser Goethe, den die Insel offenbarte, das neueste und gegenwärtigste Element der deutschen Bildung geworden, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, er sei erst durch sie zu seiner wahren Wirksamkeit in unsere deutsche Zeit gelangt. Es ist schwer, Imponderabilien zurückzukonstruieren, Atmosphäre historisch zu erneuern, und schwer darum, einer gegenwärtigen Generation gewärtig zu machen, wie wenig eigentlich von Goethe und vor allem welcher andere Goethe der vorigen Generation bekannt gewesen ist. Einzelne der Insel-Ausgaben wirkten auf die ganze Nation durch die neue Darbietung als Entdeckung: die Briefe von Goethes Mutter, vormals eine Philologenangelegenheit, wurden plötzlich Volksbesitz, die Gedichte, in der chronologischen Anordnung einander neubewußt zur Biographie ergänzend, eine gänzlich neue Fülle, der Faust, früher nur in »Reclam« gelesen, in der Dreiform seiner Entstehung für Hunderttausende ein Ereignis, und in der Gesamtausgabe wurde plötzlich der ganz neue Goethe, der – ich muß es immer wiederholen – weltseitige Goethe als Erscheinung, als reinstes deutsches Lebenskristall durchleuchtend im Licht seines eigenen Wesens sichtbar. Mit einemmal war der falsch populäre, der Schulgoethe vernichtet und der unendliche allen (den Ärmsten sogar in der billigsten Ausgabe des deutschen Buchhandels) aufgetan. Der Ring war gesprengt, der Kreis war Leben geworden, das Wachstum ins Universale hatte begonnen durch die universalste aller Persönlichkeiten.


Damit war ein Zentrum gewonnen, ein Zentrum neuen lebendigen Lebens. Aus innerer Notwendigkeit mußten sich dem Meister die nachbarlichen Gestalten anreihen. Eine Klassiker-Ausgabe nach der andern formte sich an, manche ähnliche Umwertung tätigend durch ihre neue, reine und musterhafte Existenz, so vor allem jene Stifters, durch die erst den Deutschen bewußt wurde, daß einer das Spracherbe Goethes als verborgenes Pfand durch vergessene Jahre gehütet, jene Büchners, der aus ungerechter Verschollenheit wieder zu Ehren kam, und so manchen stilleren Geistes und verlorenen Werks, das wieder in die deutsche Welt fand. Diesem fruchtenden Ringe deutscher Meisterschaft schloß sich bald ein weiterer an, hinausgreifend in die Fremde, in die geistige Nachbarwelt: die großen Gesamtausgaben der Werke von Dostojewskij, Cervantes, Balzac, Dickens, Tolstoi, keiner dem andern bewußt zur Seite gestellt, sondern einer den andern gleichsam als notwendig zu sich heranfordernd. So baute und baut (denn dieser Parthenon hat unzählige Säulen) sich allmählich ohne bestimmte Architektonik, nur aus dem immanenten Gesetz der Keimkraft, Gestalt an Gestalt im vollen Umriß ihres Wesens, eine Klassikergemeinschaft, die keine äußere Uniform bindet, keine Zahl wie eine Kompanie abgrenzt, sondern die sich selbst aus den Jahren formt und bildet, immer mehr Kosmos, immer mehr geistiges Weltall in ihrer Einheit spiegelnd.


Inzwischen hatten sich, kristallinisch anschließend, andere Gruppen zusammengefunden, viele einzelne Kreise, je nach ihrer inneren Triebkraft und der Empfänglichkeit der Stunde rascher oder langsamer gedeihend. Es wäre zuviel, sie alle zu nennen: das dunkle, im Schatten mittelalterlicher Gläubigkeit verschattete Denken der deutschen Mystiker überwölbt »Der Dom«, das bildnerische Werk der deutschen Maler schließen die »Deutschen Meister« zusammen, die »Bibliothek der Romane« zeigt die Epik in allen ihren Meistern, die erlesenste Leistung der Buchkunst, des Faksimile, offenbaren die einzelnen Serien der Drucke. Eines wächst neben dem andern, ohne ihm den Boden wegzuzehren, und so wird allmählich die Insel wirklich universal, aus allen Völkern, Zeiten, Geschlechtern und Künsten Wiedergabe bietend; »Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen«: Goethes Wort wird Wahrheit, vom stammelnden Urwort der Edda bis zum Krampf der Jüngsten, die Sprache noch einmal zu gebären, wogt in Urlaut und getöntem deutschen Nachklang die unendliche Melodie des Wortes, aus dem die Welt sich ewig neu erbaut.


Wie aber die Fülle da ist, wird diese Welt der Welt zurückgegeben. Die Inselbücherei, die billigste Bibliothek, schenkt, was an Kostbarstem in Jahren gespart und gesammelt ward, an die Millionen: hier beginnt der Insel-Verlag, der aristokratisch angefangen und es im Sinne der Haltung bis heute geblieben ist, durch die Tat demokratisch zu werden. Aus dem elfenbeinernen Turm ist die ganze deutsche Erde geworden, in jeder Furche, in jedem Haus ruht nun irgend so ein farbiges Korn, ein solches Inselbändchen: zur Universalität des Gestaltens ist jetzt auch die Universalität der Wirkung gekommen, das Erfassen nicht nur des einzelnen Lesers, sondern der ganzen großen deutschen Gesamtheit. Aber noch weiter spannt sich der Ring: in der »Bibliotheca mundi«, der »Pandora«, den »Libri librorum« läßt die Insel die fremden Sprachen selbst sprechen, in französischen, englischen, lateinischen, griechischen, spanischen, hebräischen, italienischen Dichtungen gibt sie der Welt gestaltet wieder, was sie empfangen. Der Wille zur Welt, der Universalismus, hat darin weiter, als jemals ein deutscher Verlag es versucht, seine umfassendste Form gefunden und gleichsam als Symbol dieser Allbereitschaft ediert sie Bachs Matthäuspassion, also Musik, die Sprache über den Sprachen, verständlich jedem Kulturkreise. So wird aus Ring und Ring immer weitere Umfassung, Weiterwirkung ohne erzwungenes Ende, denn noch unendlich sind die Schätze der Vergangenheit, und mit Vergangenem entfaltet sich gleichzeitig die Zukunft: des Schaffens ist kein Ende mit den Dichtern von einst:


»denn der Boden zeugt sie wieder,
wie von je er sie gezeugt.«


Ein wahres Weltbild kann nie beschlossen werden, weil die Welt nicht innehält. Wer sich an ihr bildet und sie sich zum Gleichnis schafft, kennt darum kein Stillstehen: jedes Ende formt sich zu neuem Beginn, jeder Kreis strahlt sich wirkend fort in vervielfachter Welle. Der Trieb zur Universalität bleibt der einzig unerschöpfliche eines Menschen wie eines Werkes, und solang er in der Insel schöpferisch fortwirkt, wird ihr Dasein nicht ein bloßes Sein, sondern ein fortgestaltendes Werden bleiben.


Diesen Wesenszug dankt meinem Gefühle nach die Insel der Persönlichkeit Anton Kippenbergs, dem eigentümlich Bindenden und Universellen seines Typus, und die Wiederholung der gleichen Fortwirkung seines Wesens in anderer, in privater Materie bestätigt sinnfällig diesen Zusammenhang. Ich meine damit seine Sammlung, die – typisch genug – den universellsten Menschen, den weltseitigsten zum Gegenstande hat, Goethe. »Einen Einzigen verehren«, steht auf dem Widmungsblatt seines Kataloges zitiert; so möchte man meinen, hier habe der sonst universal Wirkende sich vereinzelt, sich spezialisiert. Aber gerade die Sammlung zeigt dieselbe kristallinische, kreisbildende Form wie das Verlagswerk, das gleiche Überwachsen ins Welthafte, denn nicht der Mensch Goethe ist in ihr sammlerisch-sichtbar gestaltet (wie in den meisten früheren dieser Art), sondern die Welt Goethe, wie sie sich in Buch und Schrift, in Bild und Plastik, in Erinnerung und Umgebung kundtat. Es ist ein Kreis Weimar darin, ein Kreis Faust, Einzelwelten seiner Welt, ein ganzes Jahrhundert, ein ganzer Kreis Deutschland, eine Atmosphäre, eine besondere Geistessphäre, eine Epoche – kaum ward je eine Sammlung universalistischer geführt bei gleichzeitig dokumentarischer Sicherheit. Auch hier ist Form und Inhalt – oder nach des Meisters Formel »Kern und Schale« – unlöslich gebunden, »beides in einemmal«, wirklich wahrhaft welthaft, organisch, ein Spiegel seines andern Wirkens im höchsten magischen Zeichen, und man darf dies keinen Zufall nennen. Denn hier hat ein durchaus privater Mensch das, was an Goethe nicht Genius, nicht Unmittelbares, sondern Norm und Weltlehre war, ganz in sein Leben aufgenommen und in Tätigkeit umgesetzt, hier ist das Praktisch-Schauende, Ordnend-Wirkende seines irdischen Tuns, das im reinsten Sinne Organisch-Bildende nachbildend bewährt: neben Weimar hat Goethe heute kein gleiches Sinnbild seines Lebens als diese einzige und im wahrsten Sinne mustergültige Sammlung.


Zum erstenmal tritt heute nun dieser Mann sichtbar gegen die geistige Welt, gegen das Deutschland, dem er so vieles gegeben, zum erstenmal tritt er hinter dem Werke hervor, das sein Wesen gleichzeitig offenbart und verbirgt. Seine Leistung ist nicht mehr von seinem privaten Leben abzulösen, eins hat sich am andern gesteigert und erfüllt: möge nun in manchem wachsenden Jahresring Werk und Wesen seinem letzten unerreichbaren Ziele, der Universalität, weiter entgegenwirken! »Uns zu verewigen, sind wir ja da.«

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Die hier vorzufindene Sammlung der gemeinfreien Werke Stefan Zweigs ist aus der Ausgabe des Null Papier Verlages übernommen. Zu dieser Ausgabe gelangen Sie durch einen Klick auf diesen Eintrag.