Magellan in Indien


März 1505 – Juni 1512


Die ersten portugiesischen Schiffe, die den Tejo hinabsteuerten in die unbekannte Ferne, hatten der Entdeckung gedient, die zweiten suchten noch friedlichen Handel mit den neuerschlossenen Gebieten. Die dritte Flotte wird bereits kriegerisch ausgerüstet – unabänderlich hebt von diesem 25. März 1505 jener dreiteilige Rhythmus an, der das ganze nun beginnende Kolonialzeitalter beherrschen wird. Jahrhunderte wird der gleiche Vorgang sich wiederholen: erst wird die Faktorei errichtet, dann die Festung zu ihrem angeblichen Schutz. Erst wird mit den einheimischen Herrschern friedlich getauscht, dann, sobald man genug Soldaten herangeholt hat, den Fürsten ihr Land und damit die ganze Ware einfach weggenommen. Kaum ein Jahrzehnt, und Portugal hat über den ersten Erfolgen bereits vergessen, daß es ursprünglich nichts anderes begehrte als bloß einen bescheidenen Anteil am Gewürzhandel des Orients. Aber im glücklichen Spiel verlieren sich rasch die guten Vorsätze; von dem Tage, da Vasco da Gama in Indien landet, geht Portugal sofort daran, alle andern Nationen wegzustoßen. Rücksichtslos betrachtet es ganz Afrika, Indien und Brasilien als sein alleiniges Revier. Von Gibraltar bis Singapore und China soll von nun ab kein anderes Schiff mehr die Meere durchfahren, auf dem halben Erdball niemand Handel treiben dürfen als ein Angehöriger der kleinsten Nation des kleinen Europa.


Großartiges Schauspiel darum, jener 25. März 1505, da die erste Kriegsflotte Portugals, welche dies neue Imperium – das größte der Erde – erobern soll, den Hafen von Lissabon verläßt, ein Schauspiel, vergleichbar in der Geschichte nur jenem, da Alexander der Große den Hellespont überschreitet; auch hier ist die Aufgabe eine gleich überhebliche, denn auch diese Flotte fährt aus, nicht, um ein einzelnes Land, ein einzelnes Volk, sondern eine Welt sich Untertan zu machen. Zwanzig Schiffe liegen und warten mit gespannten Segeln auf den Befehl des Königs, die Anker zu lichten, und es sind nicht mehr wie zu Zeiten Enriques kleine, offene Barken, sondern schon breite, schwere Galeonen mit hohen Kastellen am vorderen und rückwärtigen Heck, mächtige Segelschiffe mit drei und vier Masten und ausgiebiger Bemannung. Neben den hunderten von kriegsgeübten Matrosen scharen sich nicht weniger als fünfzehnhundert gerüstete und gepanzerte Soldaten sowie zweihundert Bombardiere an Bord; außerdem sind noch Zimmerleute und alle möglichen Arten von Handwerkern mit eingeschifft, um dann in Indien an Ort und Stelle sofort neue Schiffe auszurüsten.


Auf den ersten Blick muß jeder begreifen, daß einer so gigantischen Flotte ein gigantisches Ziel gesetzt ist: die endgültige Besitzergreifung des Morgenlandes. Nicht vergebens ist dem Admiral Francisco d’ Almeida der Titel eines Vizekönigs von Indien zugeteilt, nicht zufällig hat gerade der erste Held und Seefahrer Portugals, Vasco da Gama, der »Admiral der indischen Meere«, die Ausrüstung gewählt und geprüft. Die militärische Aufgabe Almeidas ist eindeutig klar. Almeida hat alle mohammedanischen Handelsstädte in Indien und Afrika zu schleifen und zu zerstören, an allen Stützpunkten Festungen zu errichten und Garnisonen zurückzulassen. Er hat – zum erstenmal wird die politische Idee Englands vorausgenommen – an allen Ausgangspunkten und Durchgangspunkten sich festzusetzen, alle Meerengen von Gibraltar bis Singapore zuzupfropfen und damit jeden fremden Handel auszusperren. Dem Vizekönig ist ferner befohlen, die Seemacht des Sultans von Ägypten sowie jene der indischen Rajahs zu vernichten und so streng alle Häfen unter Kontrolle zu halten, daß von diesem Jahre des Herrn 1505 an kein Schiff ohne portugiesischen Paß auch nur ein Korn Gewürz mehr verfrachten darf. Mit dieser militärischen Aufgabe geht die ideelle, die religiöse Hand in Hand: in allen eroberten Ländern das Christentum zu verbreiten; darum hat die kriegerische Ausfahrt zugleich das Zeremoniell eines Kreuzzugs. Mit eigener Hand überreicht der König in der Kathedrale Francisco d’ Almeida die neue Fahne aus weißem Damast mit dem eingewebten Kreuze Christi, die über heidnischen und maurischen Landen siegreich wehen soll. Kniend empfängt sie der Admiral, und auf den Knien leisten hinter ihm die Fünfzehnhundert, die alle gebeichtet und das Abendmahl empfangen haben, den Eid der Treue ihrem irdischen Herrn, dem König von Portugal, sowie dem himmlischen Herrn, dessen Reich sie über diesen fremden Reichen erheben sollen. Feierlich wie eine Prozession durchschreitet der Zug die Stadt zum Hafen; dann donnern zum Abschied die Geschütze, und grandios gleiten die Schiffe den Tejo hinab in das offene Meer, das ihr Admiral bis ans andere Ende der Erde für Portugal erobern soll.


Unter den Fünfzehnhundert, die vor dem Altar mit erhobener Hand den Eid der Treue schwören, kniet auch ein vierundzwanzigjähriger Mann bisher unberühmten Namens, Fernão de Magelhaes. Von seiner Herkunft weiß man kaum mehr, als daß er um 1480 geboren ist. Aber schon seine Geburtsstätte ist umstritten. Der von späteren Chronisten angegebene Ort Sabrosa in der Provinz Tras os Montes hat sich nach neueren Forschungen als unrichtig erwiesen, weil ein angebliches Testament, welchem man diese Zuweisung entnahm, endgültig als Fälschung erkannt wurde; die größte Wahrscheinlichkeit spricht noch immer dafür, daß Magellan in Porto geboren wurde. Auch über seine Familie ist nicht viel mehr bekannt, als daß sie adelig gewesen, freilich nur im vierten Range des Adels, des »fidalgos de cota de armes«; immerhin gewährt diese Herkunft Magellan das Recht, ein eigenes Wappen zu fuhren und zu vererben, sowie den Zutritt zum königlichen Hof. Angeblich hat er schon in frühester Jugend der Königin Leonore als Page gedient, womit aber keinesfalls erwiesen ist, daß jemals in jenen anonymen Jahren seine Stellung bei Hofe eine sonderlich bedeutsame gewesen wäre. Denn als der »fidalgo« vierundzwanzigjährig in die Flotte eintritt, ist er nichts als ein gewöhnlicher »sobresaliente«, einer von den fünfzehnhundert subalternen Kriegsleuten, die zusammen mit Mannschaft und Schiffsjungen in der gleichen Schiffskammer essen, leben und schlafen, gerade nur einer von den »unbekannten Soldaten«, wie sie zu Tausenden in diesen Krieg um die Eroberung der Welt ausziehen, immer tausend, die zugrunde gehen, ein Dutzend, die das Abenteuer überleben, und immer nur ein einziger, der den unsterblichen Ruhm ihrer gemeinsamen Tat an sich reißt.


Magellan ist auf dieser Fahrt einer von Fünfzehnhundert und nicht mehr. Vergeblich sucht man seinen Namen in den Chroniken des indischen Kriegs, und nicht viel anderes kann man ehrlich von all diesen Jahren aussagen, als daß sie unvergleichliche Lehrjahre für den künftigen Weltfahrer gewesen sein müssen. Ein Sobresaliente wird nicht heikel angefaßt und für alles verwendet; er muß Segel reffen im Orkan und an den Pumpen stehen, muß heute Sturm laufen gegen eine Stadt und morgen in der glühenden Sonne Sand schippen für den Festungsbau. Er muß Waren schleppen zum Tausch und Wacht halten in den Faktoreien, zu Fuß kämpfen und zu Schiff, das Senkblei handhaben können und das Schwert, gehorchen und befehlen. Aber an allem beteiligt, lernt er auch teilnehmen an allem und wird alles zugleich, Kriegsmann, Seemann, Kaufmann, Kenner der Menschen, der Länder, des Meeres und der Gestirne. Schließlich mengt diesen jungen Menschen schon früh das Schicksal in die großen Geschehnisse, welche die Weltgeltung seiner Nation und die Gestaltung der Erde für Jahrzehnte und Jahrhunderte begründen werden, denn nach einigen kleinen Gefechten, die mehr Plünderungen sind als redlicher Krieg, empfängt Magellan die eigentliche Feuertaufe in der Seeschlacht von Cannanore (16. März 1506).


Diese Schlacht von Cannanore stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der portugiesischen Eroberungsgeschichte dar. Der Zamorin von Calicut hatte Vasco da Gama bei seiner ersten Landung (1498) freundlich empfangen und sich bereit gezeigt, mit diesem unbekannten Volke Handel zu treiben. Aber bald hatte er erkennen müssen, daß die Portugiesen, als sie wenige Jahre später mit größeren und besser gerüsteten Schiffen wiederkehrten, offenkundiges Herrenrecht über ganz Indien anstrebten. Mit Schrecken sehen die indischen, die mohammedanischen Händler, welch ein gefräßiger Hecht da plötzlich in ihren stillen Karpfenteich eingebrochen ist, denn mit einem Hieb haben die Fremden sich aller Meere bemächtigt. Kein Schiff wagt sich mehr aus den Häfen aus Furcht vor diesen brutalen Piraten, der Gewürzhandel stockt, die Karawanen nach Ägypten bleiben aus; bis an den Rialto von Venedig spürt man, daß irgendwo eine harte Hand die Leitung durchschnitten haben muß. Der Sultan von Ägypten, dem seine Zölle fehlen, versucht es zunächst mit dringlicher Drohung. Er schreibt an den Papst, wenn die Portugiesen weiterhin wie Räuber im indischen Meere schalteten, würde er als Repressalie das Heilige Grab in Jerusalem zerstören. Aber weder der Papst noch irgendein Kaiser oder König haben mehr Gewalt über den imperialistischen Willen Portugals. So bleibt den Geschädigten nur übrig, sich zusammenzutun und rechtzeitig den Portugiesen in Indien Schach zu bieten, ehe sie sich endgültig festsetzen. Den Angriff bereitet der Zamorin von Calicut vor, im geheimen unterstützt vom Sultan von Ägypten und wohl auch von den Venezianern, die ihm – Gold ist immer dicker als Blut – unter der Hand Kanonengießer und Geschützmeister nach Calicut senden. Mit einem einzigen plötzlichen Schlag soll die christliche Flotte überfallen und vernichtet werden.


Aber oft entscheidet die Geistesgegenwart und Energie einer Hintergrundsfigur für Jahrhunderte Geschichte. Ein glücklicher Zufall rettet die Portugiesen. Durch die Welt wandert damals ein verwegener, durch seinen Mut und seine Frische gleich sympathischer italienischer Abenteurer namens Lodovico Varthema. Nicht Gier nach Gewinn, nicht Ehrgeiz treibt den jungen Menschen in die Ferne, sondern eine ganz ursprüngliche, urtümliche Wanderlust. Ohne falsche Scheu bekennt dieser geborene Vagant: »Weil von zu schwerem Begriff und abgeneigt, aus Büchern zu studieren«, habe er sich entschlossen, »zu versuchen, persönlich und mit eigenen Augen, die verschiedenen Orte der Welt zu besehen, weil ja doch die Berichte eines einzigen Augenzeugen mehr wert seien als alles Gerede vom Hörensagen her«. Als erster Ungläubiger schleicht sich der verwegene Varthema ein in die verbotene Stadt Mekka (sein Bericht ist noch immer die Standardbeschreibung der Kaaba geblieben) und gelangt nach vielen Fährlichkeiten nicht nur bis nach Indien, nach Sumatra und Borneo, das immerhin schon Marco Polo betreten hatte, sondern als erster Europäer (und dies wird für die Tat Magellans mitentscheidend sein) auf die vielgesuchten islas de la especeria. Auf dem Rückweg erhält der als mohammedanischer Mönch Verkleidete in Calicut von zwei christlichen Renegaten erste Kunde von dem geplanten Überfall des Zamorin auf die Portugiesen. Aus christlicher Solidarität flüchtet er unter äußerster Lebensgefahr zu den Portugiesen hinüber, und seine Warnung kommt glücklicherweise noch zurecht. Als am 16. März 1506 die zweihundert Schiffe des Zamorin die elf der Portugiesen unvorbereitet zu überfallen hoffen, stehen diese schon schlachtbereit. Es wird der schwerste Kampf, den der Vizekönig bisher bestanden; mit nicht weniger als achtzig Toten und zweihundert Verwundeten (eine riesige Zahl für die ersten Kolonialkriege) bezahlen die Portugiesen ihren Sieg – freilich einen Sieg, der ihnen endgültig die Herrschaft über die indischen Küsten sichert.


Unter den zweihundert Verwundeten befindet sich auch Magellan: wie immer ist es sein Schicksal in diesen dunklen Jahren, nur Wunden zu erhalten und keine Auszeichnung. Er wird zunächst mit den andern Blessierten nach Afrika hinübergeschafft; hier verliert sich seine Spur, denn wer führt Protokoll über Leben und Sterben eines einfachen Sobresaliente? Eine Zeitlang scheint er in Sofala geblieben zu sein, dann muß er auf irgendeine Weise als Begleiter eines Transports zurückbefördert worden sein; aller Wahrscheinlichkeit nach – an diesem Punkt widersprechen sich die Chronisten – ist er im Sommer 1507 auf demselben Schiff wie Varthema nach Lissabon heimgekehrt. Aber schon hat die Ferne über den Seefahrer Gewalt bekommen. Schon grüßt ihn Portugal fremd, und sein knapper Urlaub wird nur ein ungeduldiges Warten auf die nächste Indienflotte, die ihn zurückführt in seine eigentliche Heimat: das Abenteuer. Dieser neuen Flotte, mit der Magellan nach Indien zurückkehrt, steht eine besondere Aufgabe zu. Zweifellos hat sein illustrer Reisegefährte Lodovico Varthema bei Hof Bericht erstattet über den Reichtum der Stadt Malacca und genaue Mitteilungen gemacht über die vielgesuchten Gewürzinseln, die er als erster Europäer und Christ ipsis oculis gesehen. Dank seinen Informationen begreift man am portugiesischen Hofe, daß die Eroberung Indiens unvollständig bleiben muß und der volle Reichtum nicht gewonnen werden kann, solange man sich nicht der Schatzkammer aller Gewürze, der islas de la especeria, bemächtigt hat; dies aber setzt voraus, daß man zuerst den Schlüssel, der sie verschließt, die Meerenge und Stadt von Malacca in die Hand bekommt (das heutige Singapore, dessen strategische Bedeutung die Engländer nicht übersehen haben). Nach bewährtem heuchlerischen System wird aber nicht sogleich eine Kriegsflotte ausgesandt, sondern zunächst nur Lopez de Sequeira mit vier Schiffen beauftragt, sich vorsichtig an Malacca heranzutasten, das Terrain zu rekognoszieren und ausschließlich in der Maske eines friedlichen Händlers aufzutreten.


Ohne erwähnenswerten Zwischenfall erreicht die kleine Flotte im April 1509 Indien. Eine Fahrt nach Calicut, die knappe zehn Jahre vorher noch als unvergleichliche Heldentat Vasco da Gamas in Geschichte und Gedicht gefeiert wurde, vollbringt jetzt schon jeder portugiesische Handelskapitän. Von Lissabon bis Mombassa, von Mombassa bis Indien kennt man bereits jede Klippe, jeden Hafen; kein Pilot ist mehr nötig und kein »Meister der Astronomie«. Erst als Sequeira am 19. August vom Hafen von Cochin weiter Kurs nach Osten setzt, befahren die portugiesischen Schiffe wieder unbekannte Zonen.


Nach dreiwöchentlicher Reise, am 11. September 1509, nähern sich die Schiffe, die ersten Portugals, dem Hafen von Malacca. Bereits von ferne sehen sie, daß der wackere Varthema nicht gefabelt und übertrieben hat, wenn er berichtete, in diesem Hafen »landeten mehr Schiffe als in einem andern Orte der Welt«. Segel an Segel gereiht drängen sich große und kleine, weiße und bunte Barken und Dschunken und Praus malaiischer, chinesischer, siamesischer Herkunft an der breiten Reede zusammen. Denn geradezu zwanghaft ist durch seine natürliche Lage der aurea chersonesus, die Meerenge von Singapore, zum großen Umschlageplatz des Ostens ausersehen. Jedes Schiff, das von Osten nach Westen, von Norden nach Süden will, von Indien nach China, von den Molukken nach Persien, muß dieses Gibraltar des Ostens passieren. Alle Waren werden in diesem Stapelplatz gegeneinander getauscht, die molukkischen Gewürznelken und die Rubine Ceylons, das chinesische Porzellan und das Elfenbein aus Siam, die bengalischen Kaschmire und das Sandelholz von Timor, die arabischen Damaszenerklingen und der Pfeffer von Malabar und die Sklaven aus Borneo. Alle Rassen, alle Hautfarben und Sprachen wimmeln babylonisch durcheinander in diesem Handelsemporium des Ostens, in dessen Mitte sich mächtig über dem hölzernen Gewirr der niedern Häuser ein leuchtender Palast und eine steinerne Moschee erheben.


Staunend betrachten von ihren Schiffen die Portugiesen die mächtige Stadt, lüstern nach diesem in blendendem Sonnenlicht weiß funkelnden Juwel des Ostens, das als edelster Edelstein die indische Herrscherkrone Portugals schmücken soll. Staunend und beunruhigt betrachtet wiederum von seinem Palast aus der malaiische Fürst die fremden und gefährlichen Schiffe. Das sind sie also, die unbeschnittenen Banditen, endlich haben die Verfluchten auch nach Malacca den Weg gefunden! Längst schon hat sich über tausend und tausend Meilen die Nachricht von Almeidas und Albuquerques Schlachten und Schlächtereien verbreitet; man weiß in Malacca, daß diese furchtbaren Lusitaner nicht wie die siamesischen und japanischen Dschunkenführer nur zu friedlichem Tausch das Meer durchqueren, sondern heimtückisch auf den Augenblick warten, sich festzusetzen und alles zu rauben. Das Klügste wäre, diese vier Schiffe gar nicht in den Hafen zu lassen; haben Einbrecher einmal den Fuß in der Türe, so ist es zu spät. Aber der Sultan hat auch verbürgte Nachricht über die Wirkung jener schweren Kanonen, die mit schwarzem, schweigendem Mund von den Kastellen der portugiesischen Schiffe drohen, er weiß, diese weißen Räuber kämpfen wie die Teufel, man kann ihnen nicht widerstehen. Am besten darum, Lüge mit Lüge, falsche Freundlichkeit mit gespielter Gastlichkeit, Betrug mit Betrug zu erwidern und lieber selbst rechtzeitig zuzuschlagen, ehe sie die Pranke heben zum tödlichen Schlag.


Überschwenglich empfängt darum der Sultan von Malacca die Gesandten Sequeiras, mit übertreiblichem Dank nimmt er ihre Geschenke entgegen. Herzlich seien die Portugiesen willkommen, läßt er ihnen sagen, und sie mögen Handel treiben nach ihrem Belieben. In wenigen Tagen wolle er ihnen so viel an Pfeffer und andern Spezereien beschaffen, wie sie nur mitnehmen könnten. Liebenswürdig lädt er die Kapitäne in seinen Palast zum Mahle, und wenn diese Einladung – auf allerhand Warnungen hin – auch nicht angenommen wird, so schwärmen die Seeleute doch frei und vergnügt in der fremden, gastlichen Stadt. Wollust, endlich wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben, mit gefälligen Frauen sich freuen zu dürfen, endlich nicht mehr in der stinkenden Kajüte kampieren zu müssen oder in einem dieser dreckigen Dörfer, wo die Schweine und Hühner zwischen den nackten Menschentieren hausen. Plaudernd sitzen die Matrosen in den Teehäusern, sie kaufen auf den Märkten, sie ergötzen sich an den scharf gegorenen malaiischen Getränken und frischen Früchten: nirgendwo, seit sie Lissabon verließen, haben sie so herzlichen, so gastlichen Empfang gefunden. Zu Hunderten wieder rudern in ihren kleinen, geschwinden Booten die Malaien mit Lebensmitteln an die portugiesischen Schiffe heran, geschickt wie Affen klettern sie an den Tauen hinauf, bestaunen die fremden, nie gesehenen Dinge. Ein heiterer Tauschverkehr entwickelt sich, und ungern erfährt die Mannschaft, daß der Sultan bereits die verheißene Ladung bereitgestellt und Sequeira verständigt hat, er möge am nächsten Morgen alle Boote ans Ufer schicken, damit man die riesige Fracht noch vor Sonnenuntergang verladen könne.


Sequeira, erfreut über die rasche Beschaffung der kostbaren Waren, sendet tatsächlich alle Boote der vier großen Schiffe mit reichlicher Bemannung ans Land. Er selbst, als portugiesischer Edelmann Kaufmannsgeschäft unter seiner Würde erachtend, bleibt an Bord und spielt mit einem Kameraden Schach, das Klügste, was man an einem langweiligen heißen Tage auf einem Schiff zu tun vermag. Auch die andern drei großen Fahrzeuge liegen schläfrig still. Aber ein ungemütlicher Umstand fällt Garcia de Susa, dem Kapitän der kleinen Karavelle, die als fünftes Fahrzeug die Flotte begleitet, auf: nämlich daß immer größere Mengen malaiischer Boote die halbverlassenen vier Schiffe umschwärmen, daß unter dem Vorwand, Waren an Bord zu bringen, mehr und immer mehr dieser nackten Burschen die Schiffstaue hinaufklettern. Schließlich schöpft er Verdacht, am Ende werde hier zugleich zu Land und See von dem allzu freundlichen Sultan ein verräterischer Überfall vorbereitet.


Zum Glück hat die kleine Karavelle ihr eigenes Boot nicht mit ans Ufer gesandt; so gibt de Susa seinem verläßlichsten Mann Auftrag, schleunigst zum Admiralsschiff hinüberzurudern, um den Kapitän zu warnen. Dieser sein verläßlichster Mann ist niemand anderer als der Sobresaliente Magellan. Mit raschen, energischen Schlägen rudert er hinüber, findet den Kapitän Sequeira noch gemächlich beim Schachspiel. Aber Magellan will es nicht gefallen, daß mehrere Malaien, scheinbar als Zuschauer, im Rücken der beiden Spieler stehen, den immer bereiten Kris im Gürtel. Unauffällig flüstert er Sequeira seine Warnung zu. Dieser, um keinen Verdacht zu erregen, unterbricht geistesgegenwärtig das Spiel nicht. Aber er befiehlt einem Matrosen, vom Mastkorb Ausschau zu halten, und läßt von nun an während des Spiels die eine Hand nicht mehr vom Degen.


Die Warnung Magellans war im letzten, im allerletzten Augenblick gekommen. Eben in dieser Minute steigt vom Sultanspalast eine Rauchsäule auf, das verabredete Zeichen für den gleichzeitigen Überfall zu Land und See. Auf dem Schiff gibt der Matrose im Mastkorb glücklicherweise noch rechtzeitig Alarm. Mit einem Ruck springt Sequeira auf und schlägt die Malaien, ehe sie zustoßen können, zur Seite. Signal wird geblasen, die Mannschaft sammelt sich an Bord; auf allen Schiffen werden die eingedrungenen Malaien über Bord gestoßen, und vergeblich, daß jetzt von allen Seiten bewaffnete Praus auf die Schiffe losfahren, um sie zu entern: Sequeira hat Zeit gewonnen, die Anker zu lichten, und seine Kanonen schaffen ihm mit kräftigen Salven Luft. Dank der Wachsamkeit de Susas und der Promptheit Magellans ist der Anschlag auf die Schiffe mißlungen.


Schlimmer steht es um die Unglücklichen, die vertrauensvoll an Land gegangen sind, eine Handvoll unvorbereiteter, in den Straßen zerstreuter Männer gegen Tausende von tückischen Feinden. Die meisten Portugiesen werden sofort niedergeschlachtet, nur wenigen gelingt es, bis zum Strand hinzuflüchten. Jedoch zu spät schon: die Malaien haben sich bereits der Boote bemächtigt und damit den Rückzug auf die Schiffe unmöglich gemacht; einer nach dem andern von den Portugiesen unterliegt der Übermacht. Nur ein einziger, der Tapferste von allen, wehrt sich noch, Magellans nächster und brüderlichster Freund, Francisco Serrão. Schon ist er umringt, verwundet, schon scheint er verloren. Aber da ist Magellan in seinem kleinen Boot mit einem zweiten Soldaten bereits herangerudert, unerschrocken sein Leben wagend für den Freund. Mit ein paar wuchtigen Hieben schlägt er den von zehnfacher Übermacht Umringten heraus, reißt ihn in die kleine Zille und rettet ihm damit das Leben. Die portugiesische Flotte hat bei diesem vernichtenden Überfall ihre Boote und mehr als ein Drittel ihrer Mannschaft verloren, Magellan aber einen Blutsbruder gewonnen, dessen Freundschaft und Vertrauen entscheidend sein wird für seine künftige Tat.


Das erste Mal bei diesem Anlaß zeichnet sich in dem noch ganz verschatteten Wesensbilde Magellans ein persönlicher Charakterzug ab: seine mutige Entschlossenheit. Es ist nichts Pathetisches in seiner Natur, nichts Auffälliges in seinem Wesen, und man versteht, daß ihn so lange alle Chronisten des indischen Kriegs übersahen, denn Magellan war zeitlebens ein Mann der Verborgenheit. Er versteht nicht, sich bemerkbar, sich beliebt zu machen. Aber immer, wenn eine Aufgabe ihm gestellt ist, und noch mehr, wenn er selbst eine Aufgabe sich stellt, dann handelt dieser hintergründige und verborgene Mann mit einer blendenden Bindung von Klugheit und Mut. Nie dagegen versteht er, nachher seine Leistung auszunützen oder sich ihrer zu rühmen; still und geduldig tritt er wieder zurück in den Hintergrund. Er weiß zu schweigen, er weiß zu warten, als ahnte er, daß für die eigentliche Leistung, die ihm zu vollbringen auferlegt ist, das Schicksal ihm noch viele Jahre der Schulung und Prüfung vorbehalten hat. Bald nachdem er in Cannanore einen der größten Siege der portugiesischen Flotte und in Malacca eine ihrer schwersten Niederlagen kämpfend miterlebt hat, ist ihm eine neue Mutprobe in seiner harten Seemannslaufbahn zugedacht: ein Schiffbruch.


Schon war Magellan bestimmt, einen der regelmäßig mit dem Monsun heimkehrenden Gewürztransporte zu begleiten, da läuft die Galeone an der sogenannten Paduabank auf. Kein Menschenleben geht verloren, nur das Schiff zerschellt am Korallenriff in hundert Stücke, und da man die ganze Mannschaft auf den wenigen Booten nicht bergen kann, muß ein Teil der Schiffbrüchigen zurückbleiben. Selbstverständlich erheben der Kapitän, die Offiziere und Adelsleute Anspruch, zuerst auf den Booten zurückgebracht zu werden, und diese Bevorzugung erbittert die »grumetes«, die einfachen Matrosen. Schon droht gefährlicher Zwist, da erbietet sich von allen Adeligen Magellan, er wolle mit den Seeleuten zurückbleiben, falls die »capitanes y hidalgos« ihre Ehre verpfändeten, sie sofort nach ihrer Ankunft am Lande mit einem andern Schiffe abzuholen.


Diese seine tapfere Haltung scheint zum erstenmal das Oberkommando auf den »unbekannten Soldaten« aufmerksam gemacht zu haben. Denn als kurze Zeit später, im Oktober 1510, Albuquerque, der neue Vizekönig, die »capitanos del Rey«, die Kapitäne des Königs, um ihre Meinung befragt, wie man die Belagerung Goas unternehmen solle, ist auch Magellan unter den Sprechern verzeichnet. Damit scheint nach fünfjähriger Dienstzeit der Sobresaliente, der einfache Soldat und Matrose, endlich in den Offiziersrang aufgerückt, und als solcher wird er auch der Flotte Albuquerques zugeteilt, welche die schmähliche Niederlage, die Sequeira in Malacca erlitten hat, rächen soll.


So steuert nach zwei Jahren abermals Magellan dem fernen Osten, dem aurea chersonesus zu. Neunzehn Schiffe, eine ausgesuchte Kriegsflotte, reihen sich im Juli 1511 drohend vor dem Hafen von Malacca auf, und erbitterter Kampf beginnt gegen den verräterischen Gastfreund. Sechs Wochen dauert es, ehe Albuquerque den Widerstand des Sultans zu brechen vermag. Dann aber fällt den Plünderern eine Beute in die Hände, wie sie selbst in dem gesegneten Indien noch nie gewonnen ward; mit dem eroberten Malacca hält Portugal die ganze östliche Welt in der Faust. Endlich ist dem mohammedanischen Handel die Schlagader für immer durchschnitten, in wenigen Wochen blutet er völlig aus. Alle Meere von Gibraltar, den »Säulen des Herkules«, bis zur Enge von Singapore, dem aurea chersonesus, sind endgültig ein portugiesischer Ozean. Weit hinauf bis nach China und Japan und jubelnd zurück bis nach Europa rollt der nachhallende Donner dieses entscheidendsten Schlages, den der Islam seit undenklichen Zeiten erlitten. Vor den versammelten Gläubigen dankt der Papst mit öffentlichem Dankgebet für die herrliche Tat der Portugiesen, die dem Christentum die halbe Erde in die Hände gegeben, und Rom erlebt das Schauspiel eines Triumphs, wie seit den Zeiten der Cäsaren ihn das Caput mundi nicht mehr gesehen. Eine Gesandtschaft, geführt von Tristão de Cunha, bringt die Siegesbeute des eroberten Indien, kostbar gezäumte Pferde, Leoparden und Panther; das Hauptstück und Schaustück jedoch ist ein Elefant, den portugiesische Schiffe lebend herübergebracht haben und der unter dem Jubelgeschrei des ganzen Volkes dreimal hinkniet vor dem Heiligen Vater.


Aber selbst dieser Triumph genügt noch nicht dem unbändigen Expansionswillen Portugals. Nie in der Geschichte hat einen Sieger ein großer Sieg gesättigt; Malacca ist ja nur der Schlüssel zur Schatzkammer der especeria; nun sie ihn in Händen halten, wollen die Portugiesen an die eigentlichen Schätze heran und sich der sagenhaft reichen Gewürzinseln des Sunda-Archipels, der Inseln Amboina, Banda, Ternate und Tidore, bemächtigen. Drei Schiffe werden unter dem Kommando Antonio d’Abreus ausgerüstet, und einige der zeitgenössischen Chronisten nennen auch Magellans Namen unter den Teilnehmern jener Fahrt in den damals äußersten Osten der Erde. In Wirklichkeit aber ist Magellans indische Zeit um jene Stunde schon zu Ende. Genug! sagt das Schicksal zu ihm. Genug gesehen im Osten, genug erlebt! Auf neue Bahnen nun, auf eigene Bahnen! Gerade diese märchenhaften Gewürzinseln, von denen er sein Leben lang träumen wird, auf die er von nun an mit dem innern Blick wie verzaubert starrt, hat Magellan nie »por vista de ojos«, nie mit dem eigenen irdischen Auge sehen dürfen. Nie war es ihm gegeben, den Fuß auf diese eldoradischen Eilande zu setzen, ein bloßer Traum werden sie bleiben für ihn, sein schöpferischer Traum. Aber dank seiner Freundschaft mit Francisco Serrão sind diese niegesehenen Inseln ihm wie erlebte vertraut, und die seltsame Robinsonade seines Freundes ermutigt ihn zum größten und kühnsten Abenteuer seiner Zeit.


Dieses merkwürdige private Abenteuer Francisco Serrãos, das für Magellan und dessen spätere Weltfahrt so entscheidend sein wird, bildet eine wohltuend entspannende Episode inmitten der blutigen Chronik der portugiesischen Schlachten und Schlächtereien; unter allen jenen vielgerühmten Kapitänen verdient die Gestalt dieses unberühmten einen besonderen Blick. Nachdem er in Malacca von dem heimkehrenden Blutsfreund Magellan innigen Abschied genommen, steuert Francisco Serrão mit den Kapitänen der beiden andern Schiffe zu den sagenhaften Gewürzinseln. Ohne Mühe und Unfall erreichen sie den begrünten Strand und finden dort überraschend freundlichen Empfang. Denn bis in diese abseitigen Gestade sind die Mohammedaner weder mit ihrer Kultur noch mit ihrem Kriegswillen vorgedrungen: im Naturzustand, nackt und friedlich, lebt die Bevölkerung, noch kennt sie nicht bares Geld, noch fragt sie nicht viel nach besonderem Gewinn. Für ein paar Glöckchen und Armringe schleppen die naiven Insulaner gewaltige Lasten Gewürznelken heran, und da gleich auf den beiden ersten Inseln, in Banda und Amboina, die Portugiesen ihre Schiffe schon voll bis an den Rand laden können, beschließt der Admiral d’Abreu, die andern Gewürzinseln gar nicht mehr anzulaufen, sondern mit all seinen Schätzen schleunigst nach Malacca zurückzukehren.


Vielleicht hat Habgier die Schiffe zu schwer beladen; jedenfalls läuft eines, und zwar gerade dasjenige, welches Francisco Serrão befehligt, an eine Klippe und zerschellt; nur das nackte Leben können die Schiffbrüchigen noch retten. Verlassen irren sie am fremden Strand, und schon droht ihnen erbärmlicher Untergang, da gelingt es Serrão, durch einen listigen Streich, sich eines Piratenboots zu bemächtigen, auf dem er nach Amboina zurücksteuert. Ebenso freundlich wie vordem, da sie als große Herren gekommen waren, nimmt der Häuptling die Gestrandeten auf und bietet ihnen in großzügigster Weise Unterkunft (fueron recibidos y hospedados con amor, veneracion y magnificencia), so daß die Leute vor Glück und Dankbarkeit sich gar nicht zu fassen wissen. Nun wäre es selbstverständlich soldatische Pflicht des Kapitäns Francisco Serrão, kaum daß seine Mannschaft erholt und ausgerastet ist, unverzüglich in einer der vielen Dschunken, die ständig nach Malacca hinüberpendeln, zu seinem Admiral heimzukehren und sich wieder dem königlich portugiesischen Kriegsdienst zu stellen, dem er mit Eid und Sold verpflichtet ist.


Aber die paradiesische Landschaft, das warme, balsamische Klima lockern bedenklich bei Francisco Serrão das Gefühl für militärische Disziplin. Und mit einemmal wird es ihm höchst gleichgültig, ob irgendwo viele tausend Meilen weit im Palast von Lissabon ein König murrt oder knurrt und ihn aus der Liste seiner Kapitäne oder Pensionäre streicht. Er weiß, er hat genug für Portugal getan, oft genug seine Haut zu Markt getragen. Nun möchte er, Francisco Serrão, endlich einmal anfangen, das Leben dieses Francisco Serrão ebenso behaglich und unbekümmert zu genießen wie alle die andern kleiderlosen und sorglosen Menschen auf diesen seligen Eilanden. Mögen die andern Matrosen und Kapitäne weiter die Meere pflügen, Pfeffer und Zimt für fremde Makler mit ihrem Blut und Schweiß erkaufen, mögen sie weiter als loyale Narren in Gefahren und Schlachten roboten, nur damit die Alfanda von Lissabon mehr Zölle in die Kassen kriege – er persönlich, Francisco Serrão, ci-devant Kapitän der portugiesischen Flotte, hat genug von Krieg und Abenteuern und Gewürzgeschäften. Ohne große Feierlichkeit rückt der tapfere Kapitän aus der heroischen Welt ab in die idyllische und beschließt, fortan auf die ganz primitive, herrlich träge Weise dieses freundlichen Völkchens privatissime zu leben. Die hohe Würde des Großwesirs, mit der ihn der König von Ternate bedenkt, bedrückt ihn nicht sehr mit Arbeit; er hat nur gerade einmal bei einem kleinen Krieg seines Herrschers als militärischer Berater zu figurieren. Zur Belohnung dafür bekommt er aber ein eigenes Haus mit Sklaven und Dienern, außerdem eine hübsche braune Frau, mit der er zwei oder drei halbbraune Kinder zeugt.


Jahre und Jahre bleibt, ein anderer Odysseus, der sein Ithaka vergessen hat, Francisco Serrão in den Armen seiner dunkelhäutigen Kalypso, und kein Engel des Ehrgeizes vermag ihn mehr aus diesem Paradies des dolce far niente zu vertreiben. Neun Jahre bis zu seinem Tode hat dieser freiwillige Robinson, dieser erste Kulturflüchtling, die Sundainseln nicht mehr verlassen, von allen Konquistadoren und Capitanos der portugiesischen Heldenzeit nicht gerade der heroischeste, aber wahrscheinlich der klügste und auch der glücklichste.


Diese romantische Weltflucht Francisco Serrãos scheint zunächst ohne Bezug auf das Leben und die Leistung Magellans. In Wahrheit aber hat gerade der epikuräische Verzicht des einen kleinen und höchst unberühmten Kapitäns den allerentscheidendsten Einfluß auf Magellans Lebensgestaltung und damit auf die Geschichte der Weltentdeckung geübt. Denn über die riesige räumliche Ferne hinweg bleiben die beiden Blutsfreunde in ständiger Verbindung. Jedesmal, wenn sich Gelegenheit bietet, von seiner Insel aus eine Botschaft nach Malacca und von dort nach Portugal zu schicken, schreibt Serrão an Magellan ausführliche Briefe, die begeistert den Reichtum und die Annehmlichkeit seiner neuen Heimat rühmen. Wörtlich schreibt er: »Ich habe hier eine neue Welt gefunden, reicher und größer als die Vasco da Gamas«, dringend mahnt er, ganz umstrickt vom Zauber der Tropen, den Freund, endlich doch das undankbare Europa und den wenig einträglichen Dienst zu lassen und baldigst ihm nachzukommen. Und es ist kaum zu bezweifeln, daß es Francisco Serrão gewesen, der zuerst Magellan auf den Gedanken gebracht, ob es bei der fernöstlichen Lage dieser Inseln nicht rätlicher wäre, sie auf dem Wege des Columbus (von Westen her) statt auf jenem Vasco da Gamas (von Osten her) aufzusuchen.


Wie weit die Verhandlungen zwischen den beiden Blutsfreunden gingen, wissen wir nicht. Jedenfalls müssen die beiden irgend etwas Bestimmtes erwogen haben, denn nach dem Tode Serrãos fand sich unter seinen Papieren ein Brief Magellans, in dem dieser dem Freunde geheimnisvoll verspricht, baldigst nach Ternate zu kommen, und zwar »wenn nicht über Portugal, auf einem andern Wege«. Und diesen neuen Weg zu finden, ist der Lebensgedanke Magellans geworden.


Dieser eine Gedanke, ein paar Narben auf dem dunkelgebrannten Leib und schließlich ein malaiischer Sklave, den er in Malacca gekauft – diese drei Dinge sind so ziemlich alles, was nach sieben Jahren indischen Frontdienstes Magellan in seine Heimat zurückbringt. Ein sonderbares, vielleicht ein unwilliges Erstaunen muß es für den abgekämpften Soldaten gewesen sein, da er, 1512 endlich wieder landend, ein ganz anderes Lissabon, ein ganz anderes Portugal erblickt, als das er vor sieben Jahren verlassen. Schon bei der Einfahrt in Belem staunt er auf. Statt des alten niederen Kirchleins, das seinerzeit Vasco da Gamas Ausfahrt gesegnet, erhebt sich, endlich vollendet, die mächtige, prächtige Kathedrale, erstes sichtliches Zeichen des riesigen Reichtums, der mit dem indischen Gewürz seinem Vaterlande zugefallen. Jeder Blick zeigt rings Veränderung. Auf dem früher spärlich befahrenen Fluß drängt Segel an Segel, in den Werften am Ufer entlang hämmern die Werkleute, um nur rasch neue, nur rasch größere Flotten auszurüsten. Im Hafen wimpeln dicht gereiht, Mast neben Mast, inländische und ausländische Schiffe, überfüllt ist die Reede mit Waren, vollgepfropft lagern die Speicher, Tausende von Menschen eilen und lärmen auf den Straßen zwischen den großartigen neuaufgeführten Palästen. In den Faktoreien, an den Wechslerbänken und in den Maklerstuben wirbeln alle Sprachen Babels – dank der Ausbeutung Indiens ist Lissabon innerhalb eines Jahrzehnts aus einer Kleinstadt eine Weltstadt, eine Luxusstadt geworden. In offenen Karossen zeigen die Frauen des Adels ihre indischen Perlen, prächtig gewandet scharwenzelt ein riesiger Troß von Höflingen im Schloß, und der Heimgekehrte erkennt: sein und seiner Kameraden in Indien vergossenes Blut hat sich dank geheimnisvoller Chemie hier in Gold verwandelt. Während sie unter der unerbittlichen Sonne des Südens gekämpft, gelitten, entbehrt und geblutet haben, wurde Lissabon durch ihre Tat die Erbin Alexandrias und Venedigs, wurde Manoel »el fortunado« der reichste Monarch Europas. Alles ist daheim anders geworden, alles lebt in der alten Welt reicher, üppiger, genießerischer, verschwenderischer, als hätte das eroberte Gewürz, das erhandelte Gold die Sinne beschwingt – nur er kehrt wieder als derselbe, als der »unbekannte Soldat«, von niemandem erwartet, von niemandem bedankt, von niemandem begrüßt. Wie in eine Fremde kehrt nach sieben indischen Jahren der portugiesische Soldat Fernão de Magelhaes in seine Heimat zurück.

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Magellan macht sich frei

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Die hier vorzufindene Sammlung der gemeinfreien Werke Stefan Zweigs ist aus der Ausgabe des Null Papier Verlages übernommen. Zu dieser Ausgabe gelangen Sie durch einen Klick auf diesen Eintrag.