Briefe über Henri de Latouche


Sollte, wie die französische Forschung immer eindringlicher behauptet (ohne jedoch vollgültigen Beweis erbringen zu können), tatsächlich Henri de Latouche der Verführer Marcelinens und der Vater ihres unehelichen Kindes gewesen sein, derjenige, dem diese »Zettelgen« galten, so sind die folgenden Briefe psychologisch von besonderem Reiz. Denn sie sind (die beiden ersten) dreißig Jahre nach jener Episode an ihren Mann gerichtet, als Latouche der Tochter Marcelinens nachstellte, und atmen die äußerste Verachtung und Erbitterung gegen ihn.


Um so großartiger kontrastiert dagegen der Brief nach seinem Tode an Sainte-Beuve. Der in allen Privatverhältnissen unbändig neugierige Kritiker, dieser Voyeur in psychologicis hatte sofort nach Latouches Tod an Marceline einen Brief gerichtet, sie möchte ihm Latouches Charakter schildern (als ob er ihn selbst nicht genug gekannt hätte). Er hoffte, ihr bei diesem Anlaß einen verräterischen Aufschrei zu entreißen. Und tatsächlich ist dieser Brief eine erschütternde Fürbitte um Verzeihung für einen geworden, der sie selbst maßlos gekränkt und gequält: das gütige, großmütige Herz wirft sich schützend über den längst verhaßten Toten, um ihm für den Nachruf etwas Milde zu retten. Ob die darin erwähnte Kränkung durch Latouche jene erste war, die Verführung und das brüske Verlassen, ob die zweite gemeint ist, die Nachstellung gegen die Tochter – dies verhüllt sich in diesem Brief, der ganz nur die Güte des Verzeihens offenbart und eines der wichtigsten Dokumente ihrer Lebenstragödie bildet.


An ihren Gatten


6. Mai 1839.


Mit Herrn Latouche bin ich mehr denn je in Verlegenheit, was mir, wie ich glaube, eine Art Kälte gibt, die ich nicht überwinden kann, obwohl ich ihn sehr liebe. Aber zu den Befürchtungen, die mir schon sein Charakter einflößte, mengen sich nun auch die schrecklichen Geständnisse jener unglücklichen Dame, und mein Aufenthalt auf diesem Landsitz versetzt mich in große Unruhe. Ich suche einen Weg zu finden, wie ich weder die eine noch die andere Person beleidige. Er gibt uns Beweise von Anhänglichkeit, die mich zu Dank verpflichten, und wenn ich mich ihrer zu erwehren versuche, so sagt er, Du seiest es, der es ihm für die Zeit Deines Fernseins zur Pflicht gemacht hätte. Ich weiß jetzt, daß es meine Aufgabe ist, mich nicht zwischen zwei Herzen zu stellen, die sich einander nähern wollen, und daß ich um keinen Preis dorthin zurückkehren darf.


23. Juli 1839.


Was, Herr von L… schreibt Dir noch? und er ist nicht im Berry? und beklagt sich über meine Härte! Mein guter Engel, das sähe wirklich wie ein Scherz aus, wenn ich ihn nicht für einen sehr bösen Menschen hielte. Bei Gott, ich habe ihn ganz und gar anständig und mit Sanftmut empfangen, mit dem Vorsatz, all die Verachtung, die er mir einflößt, zu verbergen. Er kam, um uns vor einer Geschäftsreise einen Abschiedsbesuch zu machen… Vorläufig habe ich Dir genug gesagt, um Dir die gerechte Abwehr gegen einen Charakter verständlich zu machen, der mit dem Haß aller Welt beladen ist. Überall, wohin er gekommen ist, hat er nur Unruhe und Verzweiflung gebracht. Glaub an meine instinktive Abscheu und erinnere Dich, daß meine Schuld nur darin bestanden hat, daß ich gegen Böse zu nachsichtig war. Schonen wir ihn durch den Anschein von Achtung, denn es ist ihm besonders darum zu tun, geehrt zu sein. Aber Vertraulichkeit mit diesem Menschen! Gefälligkeiten von ihm annehmen! Lieber Gott, da möchte ich lieber betteln gehen. Branchu ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind und Pauline. Ich sage das nur Dir, durch den ich ihn kenne.


An Sainte-Beuve nach dem Tode von A. M. H. Latouche


18. März 1851.


Eine große Erschöpfung hat mich gehindert, Ihnen zu antworten. Verzeihen Sie mir, ich habe es mehrere Male versucht; aber in welchem Schlupfwinkel meines arbeitsreichen Daseins soll ich Ruhe finden, mich zu sammeln?


Bedenken Sie, diesmal muß ich beinahe auf einem Grabe meinem niedergeschlagenen Geiste sich zu ordnen gebieten. Wie könnte ich von da aus wagen, über einen anderen Geist zu urteilen. Was für ein Urteil kann man mit Tränen in den Augen niederschreiben! Ja, Sie haben recht, es könnte, ohne daß ich dessen mir bewußt würde, wie durch einen Blitz »Und wer kann mir besser von ihm sprechen als Sie und mir eine Idee von ihm geben, blitzartig ihn beleuchten«, hatte Sainte-Beuve ihr geschrieben. geschehen, daß Sie die Eindrücke meines Gedächtnisses erfaßten, die Summe der Erinnerungen an diesen unverständlichen Geist, der Sie beschäftigt. Aber wir begegnen einander nicht. Wie soll man es da beginnen? Ihre Stimme würde mich aufrichten, und ich fände Worte, Ihnen zu antworten. Hier bin ich zu sehr in mich zurückgeflüchtet, und dies ist wahrlich eine traurige Zuflucht, und ich möchte doch nicht ein Wort von persönlicher Traurigkeit diesem Briefe beigeben. Aber ich bin durch so viele unersetzliche Verluste zu Boden geschlagen! Diese dumpfen Schreie erreichen mich von überallher wie eine schreckliche Elektrizität, und ich fühle wohl, daß mir diesen letzten Blitzschlag niemand in Anrechnung bringt als vielleicht Gott, der alles weiß, für alles Mitleid hat! Ich war bereits in Trauer: kaum habe ich den Schleier emporgeschlagen, so muß ich ihn schon wieder auf meine Seele herabsenken, und ich kann nicht mehr weiter.


Außerdem habe ich für dieses glänzende und geheimnisvolle Rätsel mir weder eine Erklärung gesucht, noch es erraten. Es wirkte auf mich blendend und beängstigend, zuweilen war es dunkel wie Schmiedefeuer im Walde, bald leicht, hell wie ein Kinderfest. Aufrichtigkeit, die er liebte, ein unschuldiges Wort, konnten in ihm das Lachen einer wiedergefundenen Freudigkeit, einer wiedergewonnenen Hoffnung zum Ausbruch bringen. So lebhaft malte sich da Dankbarkeit in diesem Blick, daß Ängstliche sich wieder sicher fühlten. Da lebte in seinem gequälten, recht mißtrauischen Herzen, das, wie mir dünkt, sehr nach menschlicher Vollkommenheit, an die er noch glauben wollte, verlangte, der gute Geist wieder auf.


Oft schien es, als wäre es ihm lästig, zu leben; welche Bitterkeit breitete sich da über dies flüchtige Fest, wenn er der schönen Hoffnungen müde wurde! Bewunderung war, glaube ich, leidenschaftlichstes Bedürfnis seiner kranken Natur, denn krank war er sehr oft und sehr unglücklich! Nein, er war kein Böser, sondern ein Kranker, denn wenn an seinen Idolen ein einziger Fehler in Erscheinung trat, so war er schon in tiefe Verzweiflung versetzt, und das ist nicht zu viel gesagt. In einer solchen befand er sich, als wir ihn kennen lernten. Offen sprach er nie davon während unserer Gespräche, die er scheinbar suchte, um die Erinnerung einer sehr stürmischen Vergangenheit zu verscheuchen. Welche innere Verfassung war je geheimnisvoller als die seine? Dennoch hielt ihn mein Onkel, den er ganz und gar liebte, mein Onkel, der einen aufgeschlossenen, romantischen und dabei religiösen Charakter besaß, seines reizvollen Wesens, seiner aufrichtigen Sanftmut willen, für schlicht, kindlich, rein und warmherzig. Er war es auch! Er war es! Und glücklich und getröstet, ermutigt, so sein zu können durch diese ungetrübte Zuneigung.


Man hielt ihn im engen Sinn des Wortes für neidisch. Er ist es niemals gewesen. Aber ungerecht, voreingenommen, dies – ja! Sein Zorn, seine Verachtung waren so groß, wenn ihn ein Talent, etwas Wertvolles, Schönes enttäuschte, dessen Entdeckung ihn mit Freude erfüllt hatte. Wie ironisch war er dann gegen seine eigene Einfältigkeit! Wie schmerzlich berührt war er nach seinem eigenen Wort: durch sich selbst bestohlen worden zu sein! Er litt viel, glauben Sie es und vergessen Sie es nie. Er konnte über eine Blume gerührt sein und grüßte sie mit frommer Ehrfurcht. Dann regte er sich darüber auf, daß er ihre Vergänglichkeit vergessen konnte. Er zuckte die Achseln und warf sie ins Feuer. Dies ist wirklich geschehen?


Hat nicht auch sein heftiger politischer Standpunkt die natürliche Anmut, die sich seiner Tatkraft gesellte, vertrübt? Ich habe mir das oft gedacht. Eine unbeeinflußbare Selbstlosigkeit, die ihn Elend und Klagen hätte ertragen lassen, machte ihn mitleidlos gegen die Schwächen des Ehrgeizes oder die Indolenz, die er im patriotischen Gefühl ein Verbrechen nannte. Hier mag das Geheimnis seiner großen Vereinsamung liegen.


Die sorgfältige Beharrlichkeit bei der Arbeit trieb er bis zum Exzeß, der seine Gesundheit, wie seine Erfolge gefährdete. Er band sich wie ein Märtyrer an sie. Man hätte sagen mögen (ich weiß das von anderen), daß sein Herz und sein Kopf sich langsam mit Rauch erfüllten und dieser manchmal den Schwung, die Hingabe, das Fluidum, die Eingebung erstickte, so daß es sich wie bei einer Lampe verhielt, die keine Luft hat. Wenn ich mich, wie mir scheint, schlecht ausdrücke, so werden Sie den tieferen Sinn dennoch verstehen. Ich schreibe ja da nicht Kritik, mein Gott: ich beklage sein Unglück und seine Qual!


Seine Begeisterung für die deutsche Literatur und für die Wandlung der unseren hat ihn sehr beherrscht. Seither war ich so kühn, Erstaunen zu empfinden, daß seine Dichtung, obwohl elegant, wenn auch feierlich, sich kaum von Abhängigkeit frei gemacht hatte, die er doch verabscheute; ein Beweis dafür waren seine Bewunderungsausbrüche für die ritterlichen Kühnheiten des Herrn von Musset und die neue Art von Ihnen allen, die ihn mit Hoffnung beglückte.


Seitdem weiß ich nichts Genaues mehr, noch vermochte ich dieses Genie, das so bitter geworden war, aus der Nähe zu betrachten. Durch entfernten, seltenen und auch traurigen Widerhall nur, suchte er uns zu begegnen. Sein Buch über Clemens XIV. hat uns die reizendsten Gespräche mit unserem Onkel in Erinnerung gebracht, der ihn dazu angestachelt hatte; Fragoletta hat mich mit Erstaunen und Schrecken erfüllt; seither hat uns Grangeneuve auf unsere Instinkte, für ihn zu hoffen, ihn zu bemitleiden, hingewiesen. Und von jener Zeit ab hat er vielleicht, weil er seine Phantasie und sein geschriebenes Wort im Zaume hielt, deren Freiheit und Glanz um so mehr verraten. Seine letzten Bücher habe ich nicht mehr zu lesen gewagt… Vielleicht wiederhole ich Ihnen etwas da überflüssigerweise: aber sein Geist, wenn er sprach, war unwiderstehlich, wußte er, daß man ihm gut zuhörte und ihn verstand und er von seinem schwarzen Übel aufatmen konnte. Nur, daß er zu viel an das Publikum dachte, das kalt urteilende, diesen mächtigen Richter, gegen den es keinen Einspruch gibt! Die Flamme war dann durch eine zu lang andauernde Träumerei beeinträchtigt. Furcht vor Lächerlichkeit lähmte ihm jene Kühnheit, der er bei anderen Beifall zollte. Er war nicht der Mann, irdische Demütigung zu ertragen, und aus Furcht, zu stürzen, wagte er nicht mehr, sich emporzuschwingen…


Lieber wollte er ohne eine Hand zu rühren untergehen, als Lachen durch seine Tätigkeit hervorzurufen, jenes Lachen, das er anderen nicht immer ersparte und über das er sich oft Vorwürfe machte! Glauben Sie das nicht auch? Sie haben es ja selber sehr fein beobachtet, daß er weit entfernt war, »das Böse getan zu haben, das er tun hätte können«? Was Sie in dieser Hinsicht sagten, ist von tiefer Warmherzigkeit.


Welch großen Sieg muß er doch über seine Zornausbrüche errungen haben! Welche stillschweigende Größe, daß er sich nicht gerächt hatte, er, dessen brennender Stolz sich so oft für tödlich beleidigt hielt, denn ihn fürchten hieß ihn beschimpfen! In diesem, seinem stummen und einsamen Mut, muß man das finden, was die Tränen aufwiegt, die er fließen ließ! Der Meinung sind Sie doch auch? Oh! seien Sie es, sprechen Sie es um der Gerechtigkeit willen aus, wie Sie alles auszudrücken vermögen. Es gibt ja Dinge, die zwischen Himmel und Erde gehört werden, die überallhin Trost bringen können.


Entscheiden Sie, ob diese argwöhnische Seele nicht selber ihren Aufschwung, ob die körperlichen Leiden nicht diesen Ruhm, der sich so hoch ankündigte, verdunkelt haben!


Dies ist alles, was ich für Sie aus meinen Gedanken formen kann…, mögen sie doch den Ihren dienlich sein! Zumindest bin ich bereit, sie Ihnen in dieser Welt und überall immer wieder in dieser Weise zu vermitteln, weil ich an Sie glaube, an Ihre nachsichtige Freundschaft für mich und meinen geringen Verstand.


Marceline Desbordes-Valmore

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