Die große Infamie


Nun ist die unterste Stufe erreicht, der Weg geht zu Ende. Die äußerste Spannung des Gegensatzes, die das Schicksal erdichten konnte, ist erfüllt. Die in einem kaiserlichen Schloß geboren war und Hunderte von Zimmern in ihrem königlichen Palast zu eigen hatte, bewohnt nun ein enges, vergittertes, halb unterirdisches, feuchtes und verfinstertes Gelaß. Die den Luxus liebte und die tausendfältigen kunstvollen und künstlichen Kostbarkeiten des Reichtums rings um ihr Leben, nun hat sie nicht einmal mehr einen Schrank, einen Spiegel, einen Lehnstuhl, nur das äußerst Notwendige, einen Tisch, einen Sessel, ein eisernes Bett. Die zu ihrer Bedienung einen eitlen Troß von ungezählten Angestellten um sich scharte, eine Oberintendantin, eine Ehrendame, die dame d’atours, zwei Kammerfrauen für den Tag, zwei für die Nacht, einen Vorleser, Arzt, Chirurgen, Sekretär, Truchsesse, Lakaien, Kämmerer, Friseure, Köche und Pagen, nun strähnt sie sich selber das weißgewordene Haar. Die dreihundert neue Kleider im Jahr benötigte, nun flickt sie mit halbblinden Augen sich selber den Saum des zerfallenden Kerkergewandes. Die stark gewesen, ist müde geworden, die einst so Schöne und Begehrte blaß und matronenhaft. Die Geselligkeit von Mittag bis lange nach Mitternacht geliebt, nun sinnt sie allein und wartet die ganze schlaflose Nacht, bis der Morgen hinter den vergitterten Fenstern erscheint. Je mehr der Sommer sinkt, desto mehr verschattet die düstere Zelle sich zum Sarg, denn das Dunkel bricht immer früher herein, und seit jener Verschärfung der Vorschriften darf Marie Antoinette kein Licht mehr entzünden; nur vom Gange her fällt durch eine obere Glasluke der dünne, arme Schein einer Ölflamme mitleidig in die völlige Finsternis. Man spürt, daß es Herbst wird, Kälte steigt von den nackten Fliesen auf, von der nahen Seine dringt nebelige Feuchtigkeit durch die Mauern, jedes Holz fühlt sich naß und schwammig an; es riecht nach Moder und Fäulnis, es riecht immer heftiger nach Tod. Die Wäsche zerfällt, die Kleider werden brüchig, bis tief in die Knochen kriecht die nasse Kälte als beißender rheumatischer Schmerz. Immer müder wird die nach innen Einfrierende, die einmal – tausend Jahre ist es her für ihr Gefühl – Königin dieses Landes gewesen und die lebenslustigste Frau Frankreichs, immer kälter die Stille, immer leerer die Zeit um sie. Sie wird nicht mehr erschrecken, wenn man sie zum Tode ruft, denn durch diese Zelle hat sie das Im-Sarge-Sein lebendig erlebt.


In dieses bewohnte Grab inmitten von Paris dringt kein Laut von dem ungeheuren Sturm, der in jenem Herbst über die Welt fährt. Nie war die Französische Revolution mehr gefährdet als in diesem Augenblick. Zwei ihrer stärksten Festungen, Mainz und Valenciennes, sind gefallen, die Engländer haben sich des wichtigsten Kriegshafens bemächtigt, die zweitgrößte Stadt Frankreichs, Lyon, steht im Aufstand, die Kolonieen sind verloren, im Konvent herrscht Streit, in Paris Hunger und Niedergeschlagenheit: die Republik steht zwei Zoll vor dem Untergang. Nur eines vermag sie jetzt zu retten: verzweifelte Kühnheit, selbstmörderische Herausforderung; die Republik kann die Angst nur überwinden, wenn sie selber Angst einflößt. »Setzen wir den Terror auf die Tagesordnung« – dieses furchtbare Wort hallt grausig durch den Saal des Konvents, und rücksichtslos bestätigt die Tat diese Drohung. Die Girondisten werden außerhalb des Gesetzes gestellt, der Herzog von Orléans und zahllose andere dem Revolutionstribunal überwiesen. Das Beil ist schon im Schwunge, da erhebt sich Billaud-Varennes und fordert: »Der Konvent hat soeben ein großes Beispiel der Strenge gegenüber den Verrätern gegeben, die den Untergang ihres Landes vorbereiten. Aber ihm obliegt noch die Pflicht eines wichtigen Beschlusses. Eine Frau, die Schande der Menschheit und ihres Geschlechts, soll endlich ihre Verbrechen auf dem Schafott büßen. Schon redet man überall herum, sie sei wieder in den Temple gebracht worden, man hätte sie heimlich gerichtet und das Revolutionstribunal sie reingewaschen, als ob eine Frau, die das Blut von Tausenden auf dem Gewissen hat, jemals von dem französischen Gericht, von der französischen Jury freigesprochen werden könnte. Ich verlange, daß das Revolutionstribunal noch diese Woche über sie entscheide.«


Obwohl dieser Antrag nicht nur Gericht über Marie Antoinette fordert, sondern schon unverhohlen die Hinrichtung, wird er widerspruchslos angenommen. Aber merkwürdig: Fouquier-Tinville, der öffentliche Ankläger, der sonst Schlag auf Schlag, kalt und geschwind arbeitet wie eine Maschine, zögert auch jetzt noch verdächtig. Nicht in dieser Woche, nicht in der nächsten, nicht in der übernächsten stellt er seinen Antrag gegen die Königin; man weiß nicht, hält ihm jemand heimlich die Hand, oder hat der Mann mit dem ledernen Herzen, der sonst Papier in Blut und Blut in Papier mit taschenspielerischer Geschwindigkeit verwandelt, wirklich noch kein stichhaltiges Beweisdokument in Händen? Jedenfalls, er zaudert, er zieht immer und immer wieder die Anklage hinaus. Er schreibt an den Sicherheitsausschuß, man möge ihm Material schicken, und, merkwürdig, auch der Sicherheitsausschuß entwickelt seinerseits dieselbe auffällige Langsamkeit. Schließlich packt er ein paar unwichtige Papiere zusammen, das Verhör über die Affäre der Nelke, eine Zeugenliste, die Akten über den Prozeß des Königs. Aber noch immer faßt Fouquier-Tinville nicht zu. Irgend etwas fehlt ihm noch, entweder der geheime Befehl, endgültig den Prozeß aufzunehmen oder ein besonders durchschlagendes Dokument, ein offenkundiger Tatbestand, der seiner Anklageschrift Glanz und Feuer echter republikanischer Entrüstung zu geben vermöchte, irgendeine ganz aufreizende, erregende Verfehlung, sei es der Frau, sei es der Königin. Abermals scheint die pathetisch geforderte Anklage schon im Sand verlaufen zu wollen. Da wird Fouquier-Tinville in letzter Stunde von Hebert, diesem erbittertsten, entschlossensten Feind der Königin, plötzlich ein Dokument in die Hand gedrückt, das furchtbarste und infamste der ganzen Französischen Revolution. Und dieser starke Anstoß entscheidet: mit einem Ruck kommt der Prozeß in Gang.


Was war geschehen? Am 30. September empfängt Hébert unvermutet einen Brief aus dem Temple von dem Schustermeister Simon, dem Erzieher des Dauphins. Der erste Teil ist von fremder Hand geschrieben und lautet in anständig lesbarer Rechtschreibung: »Gruß! Komm rasch, mein Freund, ich habe Dir Dinge zu sagen und hätte viel Freude, Dich zu sehen; sieh, daß Du noch heute kommen kannst, Du wirst in mir einen aufrichtigen und wackern Republikaner finden.« Der Rest des Briefes dagegen ist von Simons eigener Hand und zeigt mit seiner ungeheuerlich grotesken Orthographie den Bildungsgrad dieses »Erziehers«: »Je te coitte bien le bon jour moi e mon est pousse Jean Brasse tas cher est pousse et mas petiste bon amis la petist e fils cent ou blier ta cher soeur que jan Brasse. Je tan prie de nes pas manquer a mas demande pout te voir ce las presse pour mois. Simon, ton amis pour la vis.« Hébert, pflichtgetreu und energisch, eilt ohne Zögern zu Simon. Was er hört, scheint sogar diesem Hartgesottenen dermaßen unheimlich, daß er persönlich nicht weiter eingreifen will, sondern eine Kommission des ganzen Stadtrats unter dem Vorsitz des Bürgermeisters beruft, die sich geschlossen in den Temple begibt, um dort in drei geschriebenen (und noch heute erhaltenen) Verhörsprotokollen das entscheidende Anklagematerial gegen die Königin aufzunehmen.


Nun nähern wir uns dem lange Zeit Unglaubhaften, dem seelisch Unfaßbaren, jener Episode in der Geschichte Marie Antoinettes, die nur durch die unheimliche Überreizung der Zeit, durch die jahrelang geübte systematische Vergiftung der öffentlichen Meinung halbwegs begreiflich wird. Der kleine Dauphin, ein sehr frühreifer, übermütiger Junge, hatte sich einige Wochen früher, zur Zeit, als er noch unter der Obhut seiner Mutter stand, beim Spiel mit einem Stock den Hoden verletzt, ein herbeigerufener Chirurg hatte eine Art Bruchband für das Kind angefertigt. Damit schien dieser Vorfall, der noch während des Aufenthalts Marie Antoinettes im Temple vor sich gegangen war, erledigt und vergessen. Aber da entdeckt eines Tages Simon oder seine Frau, daß das frühreife und verzogene Kind gewissen knabenlasterhaften Ungezogenheiten frönt, den bekannten »plaisirs solitaires«. Das ertappte Kind kann nicht leugnen. Gedrängt von Simon, wer ihm diese üble Angewohnheit beigebracht, sagt oder läßt sich der unselige Junge einreden, seine Mutter, seine Tante hätten ihn zu dieser Unart verleitet. Simon, dem von dieser »Tigerin« alles, auch das Teuflischste, glaubhaft scheint, fragt weiter und weiter und bringt, über diese Lasterhaftigkeit einer Mutter redlich empört, den Knaben schließlich so weit, zu behaupten, die beiden Frauen hätten ihn im Temple häufig zu sich ins Bett genommen und seine Mutter mit ihm Inzest getrieben.


Auf eine solche ungeheuerliche Aussage eines noch nicht neunjährigen Kindes hätte selbstverständlich ein vernünftiger Mensch, eine normale Zeit nur mit äußerstem Mißtrauen geantwortet. Aber die Überzeugung von der erotischen Unersättlichkeit Marie Antoinettes ist dank den unzähligen Verleumdungsbroschüren der Revolution so tief ins Blut gedrungen, daß sogar diese irrwitzige Beschuldigung, die eigene Mutter hätte ihren achteinhalbjährigen Sohn geschlechtlich mißbraucht, bei Hébert und Simon keinerlei Zweifel erweckt. Im Gegenteil, diesen fanatischen und überdies verblendeten Sansculotten scheint diese Sache völlig logisch und klar. Marie Antoinette, die babylonische Erzhure, diese verruchte Tribade, ist von ihrem Trianon her gewöhnt, jeden Tag ein paar Männer und ein paar Frauen zu verbrauchen. Was ist also natürlicher, folgern sie, als daß eine solche Wölfin, eingesperrt in den Temple, wo sie keinen Partner für ihre höllische Mannstollheit findet, sich auf ihr eigenes, wehrloses, unschuldiges Kind stürzt. Nicht einen Augenblick bezweifeln Hébert und seine traurigen Freunde, ganz benebelt von ihrem Haß, die Richtigkeit der lügenhaften Beschuldigung des Kindes gegen die eigene Mutter. Jetzt gilt es nur, diese Schande der Königin protokollarisch schwarz auf weiß festzuhalten, damit ganz Frankreich diese äußerste Verworfenheit der schurkischen Österreicherin erfahre, für deren Blutgier und Lasterhaftigkeit die Guillotine dann noch als geringe Strafe gelten könne. So werden drei Verhöre abgehalten mit einem noch nicht neunjährigen Knaben, einem fünfzehnjährigen Mädchen und mit Madame Elisabeth – eine Szene, derart grauenhaft und schamlos, daß man sie für unwirklich halten könnte, lägen nicht noch heute, zwar vergilbt, aber doch deutlich lesbar und mit der krausen Unterschrift der unmündigen Kinder eigenhändig unterfertigt, diese schmählichen Akten im Nationalarchiv von Paris.


Zu dem ersten Verhör am 6. Oktober erscheinen der Bürgermeister Pache, der Syndikus Chaumette, Hébert und andere Stadtverordnete, bei dem zweiten am 7. Oktober liest man unter den Unterschriften auch den Namen eines berühmten Malers und zugleich eines der gesinnungslosesten Menschen der Revolution, David. Erst wird das achteinhalbjährige Kind als Kronzeuge vorgerufen: man befragt es zunächst über andere Vorgänge im Temple, und der schwatzhafte Junge verrät, ohne die Tragweite seiner Aussagen zu erfassen, die heimlichen Helfer seiner Mutter, vor allem Toulan. Dann kommt die heikle Sache zur Sprache, und hier besagt das Protokoll: »Mehrmals im Bett von Simon und seiner Frau bei unpassenden Gewohnheiten, die seiner Gesundheit schaden, angetroffen, hätte er ihnen gesagt, er sei in diesen gefährlichen Praktiken von seiner Mutter und seiner Tante unterrichtet worden, und sie hätten sich oftmals amüsiert, ihn diese Praktiken vor ihnen ausüben zu sehen. Dies hat oft stattgefunden, wenn sie ihn zwischen sich hätten schlafen lassen. Aus der Art, wie sich das Kind ausdrückte, hat es uns verstehen lassen, daß einmal seine Mutter eine Annäherung an sie veranlaßte, die zu einer Kopulation führte, daher stamme auch die Schwellung an einem seiner Hoden, weswegen er noch einen Verband trage. Seine Mutter hätte ihm verboten, darüber zu sprechen, und seitdem sei dieser Akt mehrmals wiederholt worden. Außerdem beschuldigt er noch Michonis und einige andere, besonders vertraulich mit seiner Mutter gesprochen zu haben.«


Schwarz auf weiß, mit sieben und acht Unterschriften, ist diese Ungeheuerlichkeit festgehalten: die Echtheit des Aktes, die Tatsache, daß das verblendete Kind wirklich diese entsetzliche Aussage gemacht habe, ist nicht zu leugnen: man könnte höchstens einwenden, daß gerade jene Stelle, welche die Anschuldigung des Inzests mit dem Achteinhalbjährigen enthält, nicht im Texte selber steht, sondern am Rande nachträglich eingefügt wurde – offenbar haben die Inquisitoren selbst Bedenken gehabt, diese Infamie urkundlich festzulegen. Aber eins ist nicht wegzutilgen: die Unterschrift »Louis Charles Capet« steht unter der Aussage in riesigen, mühsam gezogenen, kindisch ungelenken Lettern. Das eigene Kind hat wirklich vor diesen fremden Menschen die niederträchtigste aller Anschuldigungen gegen seine Mutter erhoben.


Aber nicht genug an diesem Wahnsinn – die Untersuchungsrichter wollen ihre Angabe gründlich erledigen. Nach dem noch nicht neunjährigen Knaben wird das fünfzehnjährige Mädchen, seine Schwester, herangeholt. Chaumette fragt sie, »ob, wenn sie mit ihrem Bruder spielte, er sie nicht dort berührt hätte, wo er sie nicht hätte berühren sollen, und ob seine Mutter und seine Tante ihn nicht hätten zwischen sich schlafen lassen«. Sie antwortet »Nein«. Nun werden (grauenhafte Szene) die beiden Kinder, der Neunjährige und die Fünfzehnjährige, einander gegenübergestellt, um angesichts der Inquisitoren über die Ehre ihrer Mutter zu streiten. Der kleine Dauphin bleibt bei seiner Behauptung, die Fünfzehnjährige, eingeschüchtert von der Gegenwart der strengen Männer und verwirrt von diesen unziemlichen Fragen, flüchtet sich immer wieder hinter die Aussage, sie wisse nichts, sie habe von alledem nichts gesehen. Nun wird als dritte Zeugin Madame Elisabeth, die Schwester des Königs, gerufen; bei diesem neunundzwanzigjährigen energischen Mädchen haben es die Ausfrager nicht mehr so leicht wie bei den arglosen oder verängstigten Kindern. Denn kaum hat man ihr das mit dem Dauphin aufgenommene Protokoll vorgelegt, da fährt Röte in die Wangen des beleidigten Mädchens, verächtlich schleudert sie das Papier weg und sagt, eine solche Schändlichkeit stehe zu tief unter ihr, als daß sie darauf überhaupt antworte. Nun wird ihr – neue Höllenszene – der Knabe gegenübergestellt. Er hält tapfer und frech aufrecht, sie und seine Mutter hätten ihn zu diesen Unzüchtigkeiten verleitet: Madame Elisabeth kann sich nicht länger zurückhalten: »Ah, le monstre«, ruft sie erbittert in berechtigter, ratloser Wut aus, da dieser frech verlogene Knirps sie solcher Schamlosigkeit bezichtigt. Aber die Kommissare haben bereits alles gehört, was sie hören wollten. Säuberlich wird auch dieses Protokoll unterfertigt, und im Triumph bringt Hébert die drei Akten dem Untersuchungsrichter, in der Hoffnung, jetzt sei die Königin für Mitwelt und Nachwelt, für Zeit und Ewigkeit entlarvt und an den Pranger gestellt. Patriotisch, mit gewölbter Brust, stellt er sich zur Verfügung, mit dieser Anklage als Zeuge für Marie Antoinettes blutschänderische Verworfenheit vor die Schranken des Tribunals zu treten.


Diese Aussage eines Kindes gegen seine eigene Mutter hat, weil vielleicht beispiellos in den Annalen der Geschichte, von jeher für die Biographen Marie Antoinettes zu den großen Rätseln gehört; um an dieser peinlichen Klippe vorbeizukommen, flüchteten die leidenschaftlichen Verteidiger der Königin in die umwegigsten Erklärungen und Entstellungen. Hébert und Simon, die sie beständig als eingefleischte Teufel schildern, hätten sich zu diesem Komplott zusammengetan und den armen, ahnungslosen Knaben unter gewalttätigsten Zwang gesetzt, um ihm diese schändliche Anklage abzuzwingen. Sie hätten ihn – erste royalistische Version – teils mit Zuckerbrot, teils mit der Peitsche gefügig gemacht, oder sie hätten das Kind – zweite gleichfalls unpsychologische Version – vorher mit Branntwein berauscht. Seine Aussage sei im Zustande der Trunkenheit abgegeben und darum ungültig. Diesen beiden unbewiesenen Behauptungen widerspricht vor allem die klare, durchaus nicht parteiische Schilderung eines Augenzeugen dieser Szene, des Sekretärs Danjou, von dessen Hand das Protokoll angefertigt ist: »Der junge Prinz, dessen Füße nicht bis zur Erde reichten, saß auf einem Lehnstuhl und schaukelte seine kleinen Beine hin und her. Über die bewußten Dinge befragt, antwortete er, sie seien richtig…« Das ganze Verhalten des Dauphins zeigt eher eine herausfordernde, spielerische Frechheit. Ebenso geht aus dem Text der andern beiden Protokolle unzweideutig hervor, daß der Knabe keineswegs unter äußerem Zwang gehandelt hat, sondern daß er im Gegenteil mit einem kindischen Trotz – man spürt sogar eine gewisse Bosheit und Rachlust dabei – die ungeheuerliche Anschuldigung gegen seine Tante aus freien Stücken wiederholt hat.


Wie ist dies zu erklären? Nicht übermäßig schwer für unsere Generation, die, über die Lügenhaftigkeit von Kinderaussagen in sexuellen Dingen viel gründlicher als frühere Zeiten wissenschaftlich und gerichtspsychologisch belehrt, an solche seelische Abwegigkeiten bei Minderjährigen mit mehr Verständnis heranzutreten gewöhnt ist. Vor allem müssen wir die sentimentale Auffassung aus dem Spiel lassen, als hätte der Dauphin seine Übergabe an den Schuster Simon als furchtbare Erniedrigung empfunden und seiner Mutter besonders nachgetrauert; Kinder gewöhnen sich erstaunlich rasch an fremde Umgebung, und so erschreckend es auf das erste Wort hin klingen mag: wahrscheinlich hat sich der achteinhalbjährige Knabe bei dem rohen, aber gutlaunigen Simon wohler gefühlt als im Turm des Temple bei den beiden unablässig trauernden, verweinten Frauen, die ihm während des ganzen Tages Unterricht erteilten, ihn zum Lernen nötigten und dem Kinde schon, als dem künftigen Roi de France, unablässig Würde und Haltung aufzuzwingen versuchten. Bei dem Schuster Simon aber ist der kleine Dauphin völlig frei, er wird, weiß Gott, mit Lernen nicht viel geplagt; er kann herumspielen, wie er will, ohne sich zu sorgen und sich zu pflegen; es ist sehr wahrscheinlich, daß es für ihn lustiger war, mit den Soldaten die Carmagnole zu singen, als mit der frommen und langweiligen Madame Elisabeth den Rosenkranz zu beten. Denn jedes Kind hat instinktiv in sich den Zug zum Hinab, eine Abwehr gegen die ihm aufgezwungene Kultur und Sitte, es fühlt sich bei unbefangenen, ungebildeten Menschen wohler als im Bildungszwang; wo mehr Freiheit, mehr Unbefangenheit herrscht und weniger Beherrschung gefordert wird, kann sich stärker das eigentlich Anarchische seiner Natur entfalten. Der Wunsch nach sozialem Aufstieg tritt erst mit dem Erwachen der Intelligenz ein – bis zum zehnten, oft bis zum fünfzehnten Jahre aber beneidet eigentlich jedes Kind aus guter Familie seine proletarischen Schulkameraden, denen alles erlaubt ist, was ihm seine wohlbehütete Erziehung verbietet. Mit dieser raschen Umstellung des Gefühls, die Kindern selbstverständlich ist, scheint sich der Dauphin – und dies ganz Natürliche wollten die sentimentalen Biographen um keinen Preis zugeben – sehr bald von jener mütterlich-melancholischen Sphäre losgelöst und in die zwanglosere, zwar niedrigere, aber für ihn unterhaltsamere des Schusters Simon eingelebt zu haben; die eigene Schwester gesteht zu, daß er ganz laut revolutionäre Lieder gesungen habe; ein anderer unverdächtiger Zeuge gibt eine dermaßen rohe Äußerung des Dauphins über seine Mutter und seine Tante wieder, daß man sie gar nicht zu wiederholen wagt. Für die besondere Prädisposition des Kindes zur Phantasieaussage gibt es aber noch unwiderleglicheres Zeugnis; niemand anderes als die eigene Mutter hatte schon über den Viereinhalbjährigen Jahre vorher in jener Anleitung an die Gouvernante geschrieben: »Er ist schwatzhaft, wiederholt gern, was er sprechen gehört hat, und fügt oft, ohne lügen zu wollen, etwas hinzu, was seine Einbildungskraft ihn hat glauben lassen. Das ist sein größter Fehler und der Punkt, in dem man ihn unbedingt bessern muß.«


Durch diese Charakterzeichnung gibt Marie Antoinette den entscheidenden Wink zur Lösung des Rätsels. Und er ergänzt sich folgerichtig durch eine Mitteilung der Madame Elisabeth. Man weiß: fast immer suchen Kinder, bei einer verbotenen Tat ertappt, die Schuld auf jemand anderes abzulenken. Aus einer instinktiven Schutzmaßnahme (weil sie ahnen, daß man ungern Kinder verantwortlich macht) erklären sie sich dann fast immer als von jemandem »verführt«. Im vorliegenden Fall klärt das Protokoll mit Madame Elisabeth völlig die Situation. Sie sagt nämlich aus – und diese Tatsache wurde törichterweise meist unterschlagen –, ihr Neffe habe wirklich diesem Knabenlaster seit langem gefrönt, und sie erinnere sich genau, daß sowohl sie selber als seine Mutter ihn deshalb öfter heftig ausgezankt hätten. Hier leuchtet die richtige Spur. Das Kind war also schon früher von seiner Mutter, von seiner Tante ertappt und wahrscheinlich mehr oder minder streng bestraft worden. Von Simon befragt, wer ihm diese schlechte Gewohnheit beigebracht, denkt es in ganz selbstverständlicher Erinnerungsverknüpfung mit der Tat zugleich an die erste Ertappung, es denkt geradezu zwanghaft zuerst an diejenigen, die es dafür gezüchtigt haben. Unbewußt rächt es sich für die Strafe, und ohne die Weiterungen einer solchen Aussage zu ahnen, nennt es die Namen der Züchtiger als jene der Anstifter oder stimmt einer Suggestivfrage in diesem Sinne ohne jedes Zögern, also mit dem Anschein äußerster Wahrhaftigkeit zu. Und nun verläuft die Bahn ganz klar. Einmal in die Lüge verwickelt, kann das Kind nicht mehr zurück; sobald es aber gar noch, wie im vorliegenden Falle, spürt, daß man ihm seine Behauptung willig, ja sogar freudig glaubt, fühlt es sich völlig in seiner Lüge gesichert und gibt weiterhin alles fröhlich zu, was die Kommissare fragen. Es hält aus Selbstschutzinstinkt an der Version fest, seit es merkt, daß sie ihm Strafe erspart. Selbst geschultere Psychologen als diese Schustermeister, Exschauspieler, Anstreicher und Aktenschreiber hätten deshalb Mühe gehabt, angesichts einer so deutlich und unzweideutig niedergelegten Aussage zunächst nicht irre zu werden. In diesem besonderen Falle standen die Untersuchenden aber außerdem noch unter dem Einfluß einer Massensuggestion; für sie, die täglichen Leser des »Père Duchesne«, paßte diese furchtbare Anschuldigung des Kindes vollkommen zum infernalischen Charakter der Mutter, welche die pornographischen Broschüren in ganz Frankreich zum Ausbund aller Laster umgelogen hatten. Kein Verbrechen, auch das absurdeste, kann diese Suggestionierten bei einer Marie Antoinette überraschen. So staunten sie nicht lange, so überlegten sie nicht gründlich, sondern setzten ebenso sorglos wie das neunjährige Kind ihre Unterschriften unter eine der größten Gemeinheiten, die jemals gegen eine Mutter ersonnen wurden.


Marie Antoinette hat die undurchdringliche Absperrung in der Conciergerie glücklicherweise davor geschützt, sofort von dieser ungeheuerlichen Aussage ihres Kindes zu erfahren. Erst am vorletzten Tage ihres Lebens belehrt sie die Anklageschrift über diese äußerste Erniedrigung. Jahrzehntelang hat sie alle Anwürfe gegen ihre Ehre, die allerinfamsten Verleumdungen hingenommen, ohne je die Lippe zu öffnen. Aber dies: sich von ihrem eigenen Kinde so fürchterlich verleumdet zu sehen, diese nicht auszudenkende Qual muß sie in der innersten Tiefe ihrer Seele erschüttert haben. Bis an die Schwelle des Todes begleitet sie dieser marternde Gedanke; noch drei Stunden vor der Guillotine schreibt die sonst völlig Gefaßte an die mitbeschuldigte Madame Elisabeth: »Ich weiß, wie sehr dieses Kind Dir Qual bereitet haben muß, aber verzeih ihm, liebe Schwester, denk an seine große Jugend, und wie leicht es ist, einem Kind das in den Mund zu legen, was man daraus Wiederhören will, und sogar das, was es selber nicht versteht. Ich hoffe, ein Tag wird kommen, da es um so besser den Wert Deiner Liebe und Zärtlichkeit begreifen wird.«


Es ist Hébert nicht gelungen, was er beabsichtigte: die Königin mit dieser ausposaunten Anschuldigung vor der Welt zu entehren; im Gegenteil, während des Prozesses fährt ihm das gezückte Beil aus der Hand und schlägt in seinen eigenen Nacken. Aber eines ist ihm gelungen: ihr die Seele mörderisch zu verwunden, einer schon dem Tode ausgelieferten Frau noch die allerletzten Stunden zu vergiften.

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Die hier vorzufindene Sammlung der gemeinfreien Werke Stefan Zweigs ist aus der Ausgabe des Null Papier Verlages übernommen. Zu dieser Ausgabe gelangen Sie durch einen Klick auf diesen Eintrag.