Kapitel 12


Doktor Condor machte eine Pause. »So, nun noch ein letzter Schluck – ich bin gleich zu Ende. Nur dies noch einmal – hierzulande schwätzt man, unser Freund hätte sich damals listig an die Erbin herangeschmeichelt und sie mit einem Heiratsantrag eingefangen, um das Gut zu bekommen. Aber ich wiederhole: das ist nicht wahr. Kanitz hatte, wie Sie jetzt wissen, das Schloß damals schon in der Hand, er brauchte sie nicht mehr zu heiraten, kein Atom von Berechnung spielte bei seiner Werbung mit. Nie hätte er, der kleine Agent, den Mut gefunden, aus Verschlagenheit um dieses blauäugige feine Mädchen zu werben, sondern wider seinen Willen wurde er von einem Gefühl überrascht, das ehrlich war und wunderbarerweise auch ehrlich geblieben ist.


Denn aus dieser absurden Freite wurde eine selten glückliche Ehe. Immer ergibt gerade das Gegensätzliche, sofern es sich richtig ergänzt, die vollendetste Harmonie, und oft erweist sich das scheinbar Überraschendste als das Natürlichste. Die erste Reaktion bei diesem plötzlichen Paar war freilich, daß sie sich beide voreinander fürchteten; Kanitz argwöhnte, jemand würde ihr Geschichten von seinen dunklen Geschäften zutragen und sie ihn dann noch im letzten Augenblick mit Verachtung von sich stoßen; unheimliche Energie setzte er ein, um seine Vergangenheit unsichtbar zu machen. Er stoppte alle zweifelhaften Praktiken, gab seine Schuldbriefe mit Verlust weiter, hielt sich von seinen früheren Komplizen fern. Er ließ sich taufen, wählte einen einflußreichen Paten und setzte es mit einem kräftigen Stück Geld durch, dem Namen Kanitz das edlerklingende ›von Kekesfalva‹ beifügen zu dürfen, bei welcher Veränderung, wie meist in solchen Fällen, der ursprüngliche Name von den Visitenkarten bald spurlos verschwand. Aber bis zum Hochzeitstage lebte er in dem Wahn, heute, morgen, übermorgen würde sie ihr Vertrauen noch erschreckt zurücknehmen. Sie wiederum, der ihre frühere Herrin, die Bestie, durch zwölf Jahre tagtäglich Unfähigkeit, Dummheit, Bosheit, Beschränktheit vorgeworfen und mit teuflischer Tyrannei jedes Selbstgefühl gebrochen, erwartete, auch von ihrem neuen Gebieter unablässig angepoltert, verhöhnt, beschimpft, zurückgesetzt zu werden; im voraus resigniert, rechnete sie auf Sklaverei wie auf ein unausweichliches Schicksal. Aber siehe, alles was sie tat, war recht; der Mann, in dessen Dienst, in dessen Hände sie ihr Leben gegeben, dankte ihr jeden Tag von neuem, immer behandelte er sie mit der gleichen ehrfürchtigen Scheu. Die junge Frau staunte; so viel Zartheit konnte sie gar nicht fassen. Allmählich blühte das schon halb verdorrte Mädchen auf. Sie wurde hübsch, bekam weiche Formen; noch ein Jahr, zwei Jahre dauerte es, ehe sie wagte, wirklich zu glauben, auch sie, die Unbeachtete, die Getretene, die Unterdrückte könne geachtet, könne geliebt werden wie alle andern Frauen. Aber das ganz wahre Glück für die beiden begann erst, als das Kind kam.


Mit neuer Leidenschaft nahm Kekesfalva seine geschäftliche Tätigkeit in jenen Jahren auf. Den kleinen Agenten hatte er hinter sich geworfen, seine Arbeit bekam Format. Er modernisierte die Zuckerfabrik, beteiligte sich am Walzwerk bei Wiener Neustadt und führte jene blendende Transaktion im Spirituskartell durch, über die damals viel gesprochen wurde. Daß er reich wurde, jetzt wirklich reich, änderte nichts an dem zurückgezogenen, sparsamen Leben des Ehepaares. Als wollten sie die Menschen nicht zu sehr an sich erinnern, luden sie selten Gäste zu sich, und das Haus, das Sie ja kennen, wirkte damals unvergleichlich einfacher und ländlicher – freilich, um wieviel glücklicher auch war es als heute!


Dann kam die erste Prüfung über ihn. Schon längere Zeit hatte seine Frau an inneren Schmerzen gelitten, die Speisen widerten sie an, sie magerte ab, ging immer müder und erschöpfter; aber aus Furcht, den vielbeschäftigten Mann mit ihrer unbedeutsamen Person zu beunruhigen, preßte sie die Lippen zusammen, wenn ein Anfall kam, und verschwieg ihre Schmerzen. Als schließlich ein Verbergen sich nicht länger mehr möglich erwies, war es zu spät. Man brachte sie im Krankenwagen nach Wien, um das vermeintliche Magengeschwür – in Wirklichkeit einen Krebs – zu operieren. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Kekesfalva kennen, und eine wildere, eine grausamere Art der Verzweiflung habe ich nie bei einem Menschen gesehen. Er konnte, er wollte einfach nicht begreifen, daß die Medizin seine Frau nicht mehr zu retten vermochte; nur Trägheit, nur Gleichgültigkeit, nur Unfähigkeit der Ärzte schien es ihm, daß wir nicht mehr taten, nicht mehr tun konnten. Fünfzigtausend, hunderttausend Kronen bot er dem Professor, wenn er sie gesund mache. Telegraphisch ließ er am Tag der Operation noch aus Budapest, aus München, aus Berlin die ersten Autoritäten kommen, nur um einen zu finden, der sagte, daß man sie vielleicht vor dem Messer bewahren könne. Und nie in meinem Leben werde ich seine irren Augen vergessen, während er uns anschrie, wir seien insgesamt Mörder, als die Unrettbare, wie nicht anders zu erwarten war, unter dem Messer blieb.


Das wurde sein Damaskus. Von diesem Tage an blieb etwas verändert in diesem Asketen des Geschäfts. Ein Gott war ihm gestorben, dem er von seiner Kindheit an gedient: das Geld. Jetzt gab es für ihn nur noch eines auf Erden: sein Kind. Er nahm Gouvernanten und Diener auf, ließ das Haus umbauen, kein Luxus war dem einst so Sparsamen genug. Er schleppte die Neunjährige, die Zehnjährige nach Nizza, nach Paris, nach Wien, verwöhnte und verzärtelte sie in der äffischesten Weise, und mit der gleichen Wildheit, mit der er bisher Geld gerafft, warf er es jetzt, gleichsam verächtlich, um sich – vielleicht hatten Sie gar nicht so unrecht, wenn Sie ihn nobel und vornehm nannten, denn seit Jahren hat sich tatsächlich eine ungewöhnliche Gleichgültigkeit gegen Gewinn und Verlust seiner bemächtigt; er hat das Geld verachten gelernt, seit ihm alle Millionen seine Frau nicht zurückkaufen konnten.


Ich will Ihnen – es wird spät – die Abgötterei nicht im einzelnen schildern, die er mit seinem Kind trieb; schließlich war sie verständlich, denn die Kleine wuchs bezaubernd heran, ein wirklich elfisches Wesen in jenen Jahren, zart, schlank, leicht, mit grauen Augen, die jeden hell und freundlich anstrahlten; sie hatte von der Mutter die schüchterne Sanftmut, vom Vater den durchdringenden Verstand geerbt. Hellsinnig, liebenswürdig blühte sie auf zu jener wunderbaren Unbefangenheit, wie sie einzig Kindern zu eigen ist, die vom Leben niemals Feindseligkeit oder Härte erfahren. Und nur wer die Verzauberung des alternden Mannes kannte, der nie zu hoffen gewagt, aus seinem schweren dunklen Blut könnte ein so frohmütiges, weltfreundliches Gebilde entstehen, vermag seine Verzweiflung ganz zu ermessen, als jenes zweite Unglück über ihn fiel. Er konnte, er wollte nicht begreifen – und vermag es heute auch noch nicht –, daß gerade dies Kind, sein Kind, so geschlagen, so verstümmelt bleiben sollte, und ich scheue mich wirklich, all die Unsinnigkeiten zu verraten, die er in seiner fanatischen Desperation beging. Daß er alle Ärzte der Welt mit seiner Insistenz zur Verzweiflung bringt, daß er uns mit den wildesten Summen gleichsam zu zwingen sucht, eine sofortige Heilung durchzusetzen, daß er mich jeden zweiten Tag anruft, völlig sinnlos, nur um seiner rasenden Ungeduld nachzugeben, will ich gar nicht weiter erwähnen; aber jüngst erzählte mir vertraulich ein Kollege, daß der alte Mann allwöchentlich in der Universitätsbibliothek mitten unter den Studenten sitzt, unbeholfen sich alle Fremdwörter aus dem Lexikon herausschreibend, und dann stundenlang alle Handbücher der Medizin durchackert in der wirren Hoffnung, vielleicht könne er selbst etwas entdecken, was wir Ärzte übersehen oder vergessen hätten. Von anderer Seite wieder wurde mir zugetragen – Sie werden vielleicht lächeln, aber immer läßt erst der Irrwitz die Größe einer Leidenschaft ahnen –, daß er sowohl der Synagoge als auch dem hiesigen Pfarrer große Summen als Spende für die Genesung des Kindes zugesagt hat; ungewiß, an welchen Gott er sich wenden sollte, den verlassenen seiner Väter oder den neuen, und gejagt von der erschütternden Angst, sich’s mit dem einen oder dem andern zu verderben, hat er sich beiden zugleich vereidigt.


Aber – nicht wahr, ich erzähle Ihnen derlei das Lächerliche schon streifende Details keineswegs aus Klatschsucht. Sie sollen eben nur verstehen, was diesem geschlagenen, zerstörten, zernichteten Menschen jemand bedeutet, der ihm überhaupt zuhört, jemand, von dem er spürt, daß er seine Sorge innerlich begreift, oder wenigstens begreifen will. Ich weiß, er macht es einem schwer mit seiner obstinaten Art, mit seiner egozentrischen Besessenheit, die so tut, als ob es in unserer Welt, die doch mit Unglück bis an den Rand beladen ist, nur sein, nur seines Kindes Unglück gäbe. Aber doch, gerade jetzt darf man ihn nicht im Stich lassen, da die rasende Hilflosigkeit ihn selber krank zu machen beginnt, und Sie tun wirklich – wirklich, lieber Herr Leutnant – ein gutes Werk, wenn Sie ein bißchen von Ihrer Jugend, Ihrer Vitalität, Ihrer Unbefangenheit in dies tragische Haus bringen. Nur deshalb, nur aus der Sorge heraus, daß Sie sich von andern beirren lassen könnten, habe ich Ihnen vielleicht mehr von seinem Privatleben erzählt, als ich eigentlich verantworten kann; aber ich glaube darauf rechnen zu dürfen – alles, was ich Ihnen sagte, bleibt strikt unter uns beiden.«


»Selbstverständlich«, sagte ich mechanisch; es war das erste Wort, das ich während seines ganzen Berichts über die Lippen brachte. Ich war wie betäubt – nicht allein von den überraschenden Enthüllungen, die meine ganzen Vorstellungen von Kekesfalva von außen nach innen umwendeten wie einen Handschuh; ich war gleichzeitig auch betroffen über meine eigene Dumpfheit und Torheit. Mit so seichten Augen war ich also in meinem fünfundzwanzigsten Jahr noch durch die Welt gegangen! Wochenlang täglicher Gast in diesem Hause, hatte ich, ganz eingenebelt in mein Mitleid, aus dummer Diskretion niemals gewagt, mich zu erkundigen, weder nach der Krankheit selbst, noch nach der Mutter, die doch sichtlich in diesem Hause fehlte, nicht gefragt, woher der Reichtum dieses sonderbaren Menschen stammte. Wie hatte ich übersehen können, daß diese verhangenen, mandelförmigen, melancholischen Augen nicht die eines ungarischen Aristokraten waren, sondern der von tausend Jahren tragischen Kampfes geschärfte und zugleich ermüdete Blick der jüdischen Rasse? Wie nicht wahrnehmen, daß in Edith wiederum andere Elemente gemischt waren, wie nicht erkennen, daß etwas in diesem Hause gespenstisch von sonderbaren Vergangenheiten belastet sein mußte? Blitzschnell fielen eine Reihe Einzelheiten mir nun verspätet ein: mit welchem kalten Blick unser Oberst einmal bei einer Begegnung Kekesfalvas Gruß von sich weggeschoben hatte, gerade zwei Finger halb an die Kappe hebend, oder wie die Kameraden an Kaffeehaustisch ihn einen »alten Manichäer« genannt. Mir war zumute, wie wenn plötzlich in einem dunklen Zimmer ein Vorhang aufgerissen wird und die Sonne dringt einem so jäh in die Augen, daß sie purpurn schwirren, und man taumelt unter dem grellen Prall dieses durch sein Übermaß unerträglichen Lichts.


Aber als ob er geahnt hätte, was in mir vorging, beugte sich Condor zu mir herüber; seine kleine, weiche Hand rührte beruhigend und wahrhaft ärztlich die meine an.


»Das konnten Sie natürlich nicht ahnen, Herr Leutnant, wie sollten Sie auch! Sie sind doch in einer ganz abgeschlossenen, ganz abseitigen Welt auferzogen worden und überdies im glücklichen Alter, wo man noch nicht gelernt hat, alles Sonderbare zuerst mißtrauisch anzusehen. Glauben Sie mir als dem Älteren – man braucht sich nicht zu schämen, ab und zu vom Leben düpiert zu werden; es ist viel eher eine Gnade, wenn einem jener überscharfe, diagnostische mal-occhio-Blick noch nicht in der Pupille steckt und man lieber Menschen und Dinge zunächst vertrauensvoll ansieht. Nie hätten Sie sonst diesem alten Mann und diesem armen kranken Kind so prächtig helfen können! Nein, wundern Sie sich nicht und vor allem schämen Sie sich nicht – Sie haben aus einem guten Instinkt heraus schon das Allerrichtigste getan!«


Er warf den Zigarrenstummel in die Ecke, dehnte sich und schob den Sessel zurück. »Aber nun, glaube ich, wird es allmählich Zeit für mich.«


Ich stand zugleich mit ihm auf, obwohl ich mich noch einigermaßen taumlig fühlte. Denn etwas Sonderbares ging in mir vor. Ich war äußerst erregt, sogar von einer gesteigerten, überreizten Wachheit durch all dies überraschend Erfahrene; aber gleichzeitig spürte ich einen dumpfen Druck an einer ganz bestimmten Stelle. Ich erinnerte mich deutlich: mitten während seines Erzählens hatte ich Condor etwas fragen wollen und nur nicht die Geistesgegenwart gehabt, ihn zu unterbrechen: irgend ein Detail wollte ich fragen an einer bestimmten Stelle! Und jetzt, da jene Frage erlaubt war, erinnerte ich mich nicht mehr; sie mußte weggeschwemmt worden sein von der Erregung des Zuhörens. Vergebens tastete ich die ganzen Windungen des Gesprächs zurück – es war, wie wenn man in seinem Leib einen ganz präzisen Schmerz fühlt und ihn doch nicht zu lokalisieren vermag. Während der Minute, da wir durch die schon halbverlassene Weinstube hinausschritten, blieb ich einzig mit der inneren Bemühung beschäftigt, mich zu erinnern.


Wir traten aus der Tür, Condor blickte auf. »Aha«, lächelte er mit einer gewissen Zufriedenheit. »Das habe ich schon die ganze Zeit gespürt; dieses Mondlicht war mir gleich zu grell. Wir bekommen ein Gewitter und sicher ein ausgiebiges dazu. Da heißt’s sich beeilen.«


Er hatte recht. Zwischen den schlafenden Häusern stockte die Luft zwar noch immer still und stickig, den Himmel überjagten jedoch von Osten her dunkle, trächtige Wolken und verhüllten strichweise den gelblich ermattenden Mond. Schon war die eine Hälfte des Firmaments völlig verdunkelt; schwarz wie eine Riesenschildkröte schob die kompakte metallische Masse sich vorwärts, manchmal übersprüht von fernem Wetterschein, und im Hintergrund murrte bei jedem Lichtschlag etwas unwillig wie ein gereiztes Tier.


»In einer halben Stunde kriegen wir die Bescherung«, diagnostizierte Condor, »ich jedenfalls komme noch trocken zur Bahn, aber Sie, Herr Leutnant, kehren lieber um, sonst werden Sie gründlich gewaschen.«


Doch ich wußte dumpf, daß ich ihn noch etwas fragen mußte und wußte noch immer nicht, was; die Erinnerung daran war ertrunken in einer dumpfen Schwärze wie oben der Mond im jagenden Wolkengang. Immer aber noch spürte ich jenen unbestimmten Gedanken im Hirne pochen; es war wie ein ständig fühlbarer, unruhig bohrender Schmerz.


»Nein, ich riskiere es schon«, antwortete ich.


»Dann aber fix! Je schneller wir marschieren, um so lieber; von diesem langen Sitzen werden einem die Beine ganz steif.«


Die Beine steif – das war es, das Kennwort! Sofort blitzte Helligkeit hinab bis in den untersten Grund meines Bewußtseins. Mit einem Schlag wußte ich, was ich Condor vordem hatte fragen wollen, was ich ihn fragen mußte: der Auftrag! Der Auftrag Kekesfalvas! Die ganze Zeit hatte ich wahrscheinlich im Unterbewußtsein nur an Kekesfalvas Frage gedacht, ob jene Lähmung unheilbar sei oder nicht: jetzt mußte ich sie stellen. So begann ich, während wir durch die ganz verlassenen Gassen schritten, ziemlich vorsichtig.


»Verzeihung, Herr Doktor … alles, was Sie mir erzählten, war natürlich furchtbar interessant für mich …, ich meine furchtbar wichtig … Aber Sie werden verstehen, daß ich Sie gerade darum noch etwas fragen möchte … etwas, das mich schon lange bedrückt und … Sie sind doch ihr Arzt, Sie kennen wie kein anderer den Fall … ich bin ein Laie, mir fehlt jede richtige Vorstellung … und da wüßte ich gerne, was Sie eigentlich davon denken. Ich meine, handelt es sich bei dieser Lähmung Ediths nur um eine vorübergehende Erkrankung oder ist sie unheilbar?«


Condor blickte auf, scharf und mit einem einzigen Ruck. Seine Augengläser blitzten mich an; ich wich unwillkürlich der stoßhaften Vehemenz dieses Blicks aus, der wie eine Nadel mir in die Haut fuhr. Argwöhnte er am Ende Kekesfalvas Auftrag? Hatte er Verdacht geschöpft? Aber schon senkte er wieder den Kopf, und ohne sein rasches Tempo zu unterbrechen, ja vielleicht sogar noch heftiger ausschreitend, murrte er:


»Natürlich! Darauf hätt ich eigentlich gefaßt sein müssen. Damit endet’s immer. Heilbar oder unheilbar, schwarz oder weiß. Als ob das so einfach wäre! Schon ›gesund‹ und ›krank‹ sind zwei Worte, die ein anständiger Arzt guten Gewissens nicht aussprechen sollte, denn wo fängt die Krankheit an und wo endet die Gesundheit? Und gar ›heilbar‹ und ›unheilbar‹! Natürlich, sie sind sehr usuell, diese beiden Ausdrücke, und man kommt in der Praxis kaum ohne sie aus. Aber mich werden Sie nie dazu bekommen, das Wort ›unheilbar‹ auszusprechen. Mich nie! Ich weiß, der gescheiteste Mensch des letzten Jahrhunderts, Nietzsche, hat das furchtbare Wort hingeschrieben: Am Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen. Aber das ist so ziemlich der falscheste Satz unter all den paradoxen und gefährlichen, die er uns zum Auflösen gegeben. Genau das Gegenteil ist richtig, und ich behaupte: gerade am Unheilbaren soll man Arzt sein wollen, und mehr noch: nur am sogenannt Unheilbaren bewährt sich ein Arzt. Ein Arzt, der von vorneweg den Begriff ›unheilbar‹ akzeptiert, desertiert vor seiner eigentlichen Aufgabe, er kapituliert vor der Schlacht. Selbstverständlich, ich weiß, einfacher, handlicher ist es schon, in gewissen Fällen einfach ›unheilbar‹ zu sagen und mit resigniertem Gesicht und eingeheimstem Konsultationshonorar sich wegzudrehen, – jaja, höchst bequem und einträglich, sich ausschließlich mit den erwiesenen, den erprobt heilbaren Fällen zu befassen, wo man in der Schwarte Seite soundsoviel die ganze Therapie fertig aufblättern kann. Na, wem’s Spaß macht, der mag so herumbadern. Mir ad personam scheint das als Leistung genau so kläglich, wie wenn ein Dichter nur das Schongesagte noch einmal sagen wollte, statt zu versuchen, das Ungesagte, ja, das Unsagbare ins Wort zu bändigen, wenn ein Philosoph das längst Erkannte zum neunundneunzigstenmal explizierte, statt dem Unerkannten, dem Unerkennbaren entgegenzudenken. Unheilbar – das ist doch nur ein relativer Begriff, kein absoluter; unheilbare Fälle gibt’s für die Medizin als einer fortschreitenden Erkenntnis doch nur im Momentanen, im Raum unserer Zeit, unserer Wissenschaft, also innerhalb unserer begrenzten, bornierten Froschperspektive! Aber auf unsern Augenblick kommt es doch nicht an. In hundert Fällen, wo wir heute keine Heilungsmöglichkeiten sehen, kann – unsere Wissenschaft rennt ja in rasendem Tempo vorwärts – morgen, übermorgen eine schon gefunden, schon er-funden sein. Es gibt also, merken Sie sich das gefälligst« – er sagte es ärgerlich, als hätte ich ihn beleidigt – »es gibt für mich keine unheilbaren Krankheiten, ich gebe prinzipiell nichts und niemanden auf, und niemand wird mir jemals das Wort ›unheilbar‹ abringen. Das Äußerste, was ich auch im verzweifeltsten Falle behaupten würde, wäre, daß ich eine Krankheit ›noch-nicht-heilbar‹ nenne – will sagen: von unserer zeitgemäßen Wissenschaft noch nicht heilbar.«


Condor schritt dermaßen heftig dahin, daß ich Mühe hatte, ihm nachzufolgen. Plötzlich bremste er.


»Vielleicht drück ich mich zu kompliziert, zu abstrakt aus. Solche Dinge setzen sich ja wirklich schwer zwischen Wirtshaus und Bahnhof auseinander. Aber vielleicht wird Ihnen ein Beispiel besser veranschaulichen, was ich meine – übrigens ein sehr persönliches und mir sehr schmerzliches Beispiel. Vor zweiundzwanzig Jahren war ich ein junger Student der Medizin, etwa so alt wie Sie heute, gerade im vierten Semester. Da erkrankte mein Vater, bis dahin ein starker, vollkommen gesunder, unermüdlich tätiger Mann, den ich leidenschaftlich liebte und verehrte. Die Ärzte diagnostizierten eine Diabetes, Sie kennen sie wahrscheinlich unter dem Namen Zuckerkrankheit, eine der grausamsten, der heimtückischesten Krankheiten, die einen Menschen überfallen kann. Ohne jeden Anlaß hört der Organismus auf, die Nährstoffe weiter zu verarbeiten, er führt Fett und Zucker nicht mehr dem Körper zu, und dadurch verfällt und verhungert der Kranke eigentlich bei lebendigem Leibe – ich will Sie nicht mit den Einzelheiten quälen, sie haben mir selbst drei Jahre meiner Jugend zerstört.


Und nun hören Sie: damals kannte die sogenannte Wissenschaft nicht die geringste Kur gegen Diabetes. Man quälte die Kranken mit einer besonderen Diät, jedes Gramm wurde gewogen, jeder Schluck gemessen, aber die Ärzte wußten – und ich als Mediziner wußte es natürlich auch –, daß man damit das Ende nur hinausschob, daß diese zwei, drei Jahre ein entsetzliches Zugrundegehen, ein elendes Verhungern inmitten einer Welt bedeuteten, die von Speisen und Getränken strotzt. Sie können sich denken, wie ich als Student, als zukünftiger Arzt, damals von einer Autorität zur andern lief, wie ich alle Bücher und Spezialwerke studierte. Aber überall antwortete mir mündlich und schriftlich das mir seitdem unerträgliche Wort ›unheilbar, unheilbar‹. Seit jenem Tage hasse ich dieses Wort, denn ich habe wach und untätig mitansehen müssen, wie der Mensch, den ich auf Erden am meisten liebte, elender zugrunde ging als irgend ein dumpfes Tier; er starb drei Monate vor meiner Promotion.


Und jetzt hören Sie gut zu: vor ein paar Tagen in der Medizinischen Gesellschaft haben wir einen Vortrag von einem unserer ersten Chemikologen gehört, der uns informierte, in Amerika und in den Laboratorien einiger anderer Länder seien Versuche schon ziemlich weit gediehen, ein Drüsenextraktmittel zu finden; es sei gewiß, behauptete er, daß die Diabetes in einem Jahrzehnt eine ›erledigte‹ Krankheit sein werde. Nun, Sie können sich denken, wie mich der Gedanke erregt hat, daß es schon damals ein paar hundert Gramm dieser Substanz hätte geben können, und der liebste Mensch, den ich auf Erden hatte, wäre nicht gequält worden, wäre nicht gestorben, oder wir hätten wenigstens hoffen können, ihn zu heilen, zu retten. Verstehen Sie, wie mich damals das Verdikt ›unheilbar‹ erbitterte – ich hatte doch Tag und Nacht geträumt, es könne, es solle, es müsse ein Mittel gefunden, erfunden werden, einem werde es gelingen, vielleicht mir. Die Syphilis, die zur Zeit, als wir die Universität bezogen, uns Studenten ausdrücklich mit einem zur Warnung gedruckten Merkblatt als ›unheilbar‹ geschildert wurde, ist doch auch heilbar geworden. Nietzsche und Schumann und Schubert und, ich weiß nicht wer sonst noch von ihren tragischen Opfern, sind also keineswegs an einer ›unheilbaren‹ Krankheit gestorben, sondern an einer, die eben damals ›noch nicht heilbar‹ war – ja, sie sind, wenn Sie wollen, im zweifachen Sinne zu früh gestorben. Was bringt uns Ärzten jeder Tag Neues, Unverhofftes, Phantastisches, gestern noch Unausdenkbares! Jedesmal darum, wenn ich vor einem Fall stehe, wo die andern die Achseln zucken, zuckt mir das Herz vor Zorn, daß ich dieses Mittel von morgen, von übermorgen, noch nicht weiß, und es zuckt auch vor Hoffnung: vielleicht findest du es, vielleicht erfindet es einer noch im rechten, im letzten Augenblick für diesen Menschen. Alles ist möglich, auch das Unmögliche – denn wo unsere Wissenschaft von heute vor verrammelten Türen steht, ist oft rückwärts ganz unvermutet eine andere schon aufgegangen. Wo unsere Methoden versagen, muß man eben versuchen, eine neue zu erfinden, und wo die Wissenschaft nicht hilft, gibt es noch immer das Wunder – ja, wirkliche Wunder gibt es auch heute noch in der Medizin. Wunder bei schönstem elektrischem Licht, gegen alle Logik und Erfahrung, und manchmal kann man sie sogar provozieren. Glauben Sie, ich quälte dieses Mädchen und ließe mich quälen, wenn ich nicht hoffte, sie endlich entscheidend vorwärts, sie durchzubringen? Es ist ein schwerer Fall, ich gebe es zu, ein widerspenstiger Fall, seit Jahren komme ich nicht so rasch vorwärts, wie ich möchte. Aber dennoch und dennoch, ich lasse sie nicht aus der Hand.«


Ich hatte angespannt zugehört; mir war alles klar, was er meinte. Aber unbewußt war die Insistenz, die Angst des alten Mannes in mich übergegangen. Ich wollte noch mehr hören, Bestimmteres, Präziseres. So fragte ich weiter:


»Sie glauben also doch an eine Besserung – das heißt … eine gewisse Besserung haben Sie ja schon erzielt?«


Doktor Condor blieb stumm. Meine Bemerkung schien ihn zu verstimmen. Er stapfte mit seinen kurzen Beinen heftiger und heftiger.


»Wie können Sie behaupten, daß ich eine gewisse Besserung erzielt habe? Haben Sie’s konstatiert? Und was verstehen Sie überhaupt von der ganzen Sache? Sie kennen die Kranke doch erst ein paar Wochen lang, und ich behandle sie fünf Jahre.«


Und plötzlich blieb er stehen. »Damit Sie es wissen, ein für allemal – gar nichts Wesentliches habe ich erzielt, nichts Definitives, und darauf kommt es doch an! Ich habe an ihr herumprobiert und herumkuriert wie ein Bader, ziellos, zwecklos. Gar nichts habe ich bis jetzt erreicht.«


Seine Heftigkeit erschreckte mich: offenbar hatte ich ihn in seinem ärztlichen Ehrgefühl verletzt. So versuchte ich, ihn zu beruhigen.


»Aber Herr von Kekesfalva hat mir geschildert, wie sehr die elektrischen Bäder Edith erfrischt hätten, und besonders seit den Injekt …«


Doch Condor blieb mit einem Ruck stehen und riß mir das halbausgesprochene Wort entzwei.


»Unsinn! Blanker Unsinn! Lassen Sie sich doch nichts einreden von dem alten Narren! Glauben Sie wirklich, daß mit elektrischen Bädern und derlei Spielereien eine solche Paraplegie ausgewischt werden kann? Kennen Sie denn nicht unseren alten Ärztetrick? Wenn wir selber nicht weiter wissen, suchen wir Zeit zu gewinnen und beschäftigen den Patienten mit Mätzchen und Schwätzchen, damit er unsere Ratlosigkeit nicht bemerkt, und zu unserem Glück lügt dann meist in dem Kranken die Natur mit und wird unser Komplize. Natürlich fühlt sie sich besser! Jede Kur, ob Sie Zitronen essen oder Milch trinken, ob Sie kaltes Wasser oder heißes bekommen, bewirkt zunächst eine Veränderung im Organismus und erzeugt einen neuen Reiz, den die ewig optimistischen Kranken für Besserung nehmen. Diese Art Selbstsuggestion ist unser bester Helfer, sie hilft sogar den größten Eseln von Ärzten. Aber die Sache hat einen Haken – sobald der Anreiz des Neuen sich abgestumpft hat, setzt die Reaktion ein, und dann heißt es schleunigst abwechseln, abermals eine neue Therapie vortäuschen; mit derlei Schwindel manipuliert unsereins in heillosen Fällen eben so lange, bis man durch Zufall vielleicht die wirkliche, die richtige Methode findet. Nein, keine Komplimente, ich weiß selber am besten, wie wenig von dem, was ich will, ich bei Edith erreicht habe! Alles, was ich bisher versuchte – täuschen Sie sich nicht darüber –, alle die Alfanzereien wie Elektrisieren und Massieren haben ihr im wahrsten Sinn des Worts noch nicht recht auf die Beine geholfen.«


So vehement brach Condor gegen sich selber los, daß ich das Bedürfnis fühlte, ihn gegen sein eigenes Gewissen zu verteidigen. So fügte ich schüchtern bei:


»Aber … ich habe doch selbst gesehen, wie sie dank der Maschinen geht … dieser Streckapparat …«


Doch nun sprach Condor nicht mehr, jetzt schrie er mich geradewegs an, und zwar derart zornig und hemmungslos laut, daß in der leeren Gasse zwei verspätete Spaziergänger sich neugierig umwandten.


»Schwindel, habe ich Ihnen gesagt, Schwindel! Hilfsapparate für mich und nicht für sie! Diese Maschinen sind Beschäftigungsapparate, bloße Beschäftigungsapparate, verstehen Sie … nicht das Kind braucht sie, sondern ich brauchte sie, weil die Kekesfalvas sich nicht länger gedulden wollten. Nur weil ich dieser Drängerei nicht mehr standhielt, mußte dem alten Mann wieder eine Kampferinjektion Zuversicht verabreicht werden. Was blieb mir übrig, als der Ungeduldigen diese Zentner anzuhängen, wie man eben einem renitenten Gefangenen Fußschellen anschnallt – ganz unnötigerweise anzuhängen … das heißt, vielleicht kräftigen die Apparate ein bißchen die Sehnen … ich konnte mir eben nicht mehr anders helfen … ich muß doch Zeit gewinnen … Aber ich schäme mich dieser Tricks und Attrappen durchaus nicht, Sie sehen ja selbst den Erfolg – Edith redet sich ein, daß sie seitdem viel besser geht, der Vater triumphiert, ich hätte ihr geholfen, alle begeistern sich für den großartigen, genialen Wundertäter, und Sie selbst befragen mich als Doktor Allwissend!«


Er unterbrach und nahm den Hut ab, um sich mit der Hand über die nasse Stirn zu streichen. Dann blickte er mich maliziös von der Seite an.


»Gefällt Ihnen nicht sonderlich, fürchte ich! Desillusioniert Ihre Vorstellung vom Arzt als Helfer und Wahrheitsmann! Haben sich in jugendlicher Begeisterung die medizinische Moral anders vorgestellt und sind jetzt etwas, ich merke es ja … ernüchtert oder sogar degoutiert von derlei Praktiken! Aber bedaure – Medizin hat mit Moral nichts zu tun: jede Krankheit ist an sich ein anarchischer Akt, eine Revolte gegen die Natur, deshalb darf man gegen sie alle Mittel einsetzen, alle. Nein, kein Mitleid mit Kranken – der Kranke stellt sich selbst hors de la loi, er verletzt die Ordnung, und um die Ordnung, um ihn selber wiederherzustellen, muß man, wie bei jeder Revolte, rücksichtslos zugreifen – was einem gerade in die Hand kommt, muß man nützen, denn mit der Güte und der Wahrheit ist noch nie die Menschheit und nie ein einzelner Mensch geheilt worden. Wenn ein Schwindel kuriert, so ist er eben kein erbärmlicher Schwindel mehr, sondern ein erstklassiges Medikament, und so lange ich in einem Fall nicht faktisch helfen kann, muß ich eben trachten, bloß hinüberzuhelfen. Auch das ist schon keine leichte Sache, Herr Leutnant, immer eine neue Walze zu drehen, fünf Jahre lang, besonders wenn man von seiner eigenen Kunst nicht sehr erbaut ist! Jedenfalls wird für Komplimente ergebenst gedankt!«


Er stand, der kleine, feiste Mann, mir so erregt gegenüber, als ob er bei dem ersten Widerspruch mich gewalttätig angehen wollte. In diesem Augenblick sprühte auf dem verdunkelten Horizont ein blauer Blitz wie eine Ader auf, schwerfällig rumpelte und brummte ein knurriger Donner nach. Condor lachte plötzlich.


»Sehen Sie – des Himmels Groll gibt die Antwort. Na, Sie Armer – Ihnen ist heute ausgiebig zugesetzt worden, eine Illusion nach der andern mit dem Seziermesser wegoperiert, erst die vom magyarischen Magnaten, dann die vom fürsorglichen, vom unfehlbaren Arzt und Helfer. Aber Sie müssen verstehen, wie einen die Lobgesänge dieses alten Narren irritieren! Gerade im Fall Edith geht mir das sentimentale Gehudel besonders gegen den Strich, weil’s mich doch selber wurmt, so langsam vorwärtszukommen, und daß ich in ihrem Fall noch nichts Entscheidendes gefunden, das heißt erfunden habe.«


Er ging einige Schritte stumm. Dann wandte er sich mir herzlicher zu:


»Übrigens, ich möchte nicht, daß Sie meinen, ich hätte innerlich den Fall ›aufgegeben‹, wie man bei uns so lieblich sagt. Im Gegenteil, gerade hier laß ich nicht von der Stange, und wenn’s noch ein Jahr dauern sollte oder fünf Jahre. Es trifft sich übrigens sonderbar – just an demselben Abend nach jenem Vortrag, von dem ich Ihnen sprach, fand ich in der Pariser medizinischen Zeitschrift die Therapie einer Lähmung beschrieben, einen ganz kuriosen Fall eines Vierzigjährigen, der zwei volle Jahre gelähmt zu Bett lag, kein Glied rühren konnte, und den Professor Viennot in vier Monaten so weit gebracht hat, daß er munter wieder fünf Stockwerke steigt. Denken Sie: in vier Monaten eine solche Heilung, in einem ganz ähnlichen Fall, wo ich hier fünf Jahre herummurkse – mich hat’s geradezu umgeschmissen, als ich das las! Natürlich war mir die Ätiologie des Falls und auch die Methode nicht ganz klar, Professor Viennot scheint da eine Reihe von Behandlungsarten merkwürdig gekoppelt zu haben, eine Sonnenbestrahlung in Cannes, eine Apparatur und eine gewisse Gymnastik; bei der knappen Krankengeschichte hab ich natürlich keine Vorstellung, ob und inwieweit etwas von seiner neuen Methode in unserem Fall praktikabel sein kann. Aber ich habe sofort an Professor Viennot persönlich geschrieben, um genauere Daten zu erbitten, und nur im Hinblick darauf Edith heute so umständlich mit einer neuerlichen Untersuchung gequält – man braucht doch Vergleichsmöglichkeiten. Sie sehen also, daß ich keineswegs die Flagge streiche und im Gegenteil nach jedem Strohhalm fasse. Vielleicht steckt wirklich eine Möglichkeit in dieser neuen Methode – ich sage vielleicht, ich sage nicht mehr, und habe überhaupt schon zuviel geschwätzt. Schluß jetzt mit meinem vermaledeiten Metier!«


Wir befanden uns in diesem Augenblick schon ganz nahe dem Bahnhofsgebäude. Unser Gespräch mußte bald enden; so drängte ich:


»Sie meinen also, daß …«


Aber in diesem Augenblick blieb der kleine, dickliche Mann mit einem Ruck stehen.


»Gar nichts meine ich«, fauchte er mich an. »Und gar kein ›also‹! Was wollt ihr denn alle von mir? Ich habe keine Telephonleitung zum lieben Gott. Gar nichts habe ich gesagt. Gar nichts Bestimmtes. Gar nichts meine ich und glaube ich und denke ich und verspreche ich. Ich habe ohnehin schon viel zuviel geschwätzt. Und überhaupt jetzt Schluß! Schönen Dank für Ihre Begleitung. Sie tun besser, eiligst umzukehren, sonst bleibt an Ihrem Rock kein Faden trocken.«


Und ohne mir die Hand zu geben, lief er sichtlich verärgert (ich begriff nicht, weswegen) mit seinen kurzen und, wie mir schien, etwas plattfüßigen Beinen dem Bahnhof zu.

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