Kapitel 11


Doktor Condor hielt plötzlich inne. »Ich muß hier unterbrechen, Herr Leutnant, um Ihnen klarzumachen, was jener knappe Satz im Leben unseres Freundes bedeutete. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Kekesfalva mir diese Geschichte in der schwersten Nacht seines Lebens erzählte, in der seine Frau starb, in einem jener Augenblicke also, wie sie jeder Mensch vielleicht nur zwei- oder dreimal in seinem Leben durchmacht – einem jener Augenblicke, da auch der Hinterhältigste das Bedürfnis fühlt, vor einem andern Menschen ganz wahr und nackt wie vor Gott zu stehen. Ich seh ihn noch deutlich vor mir, wir saßen unten im Wartezimmer des Sanatoriums. Er war ganz nah an mich herangerückt und erzählte leise, heftig und aufgeregt in einem Fluß. Ich spürte, er wollte durch dieses unablässige Erzählen vergessen, daß seine Frau oben starb, er betäubte sich selbst mit diesem pausenlosen Weiter und Weiter. Aber bei dieser Stelle seines Berichts, da Fräulein Dietzenhof zu ihm sagte: ›Wenn ich es nur verkaufen könnte!‹, hielt er plötzlich inne. Denken Sie, Herr Leutnant – noch fünfzehn oder sechzehn Jahre später erregte ihn dieser Augenblick, da das ahnungslose alternde Mädchen ihm so impulsiv gestand, daß sie nur rasch, rasch, rasch Kekesfalva verkaufen wollte, derart unheimlich, daß er ganz blaß wurde. Zweimal, dreimal wiederholte er mir den Satz, mit wahrscheinlich genau derselben Betonung: ›Wenn ich es nur verkaufen könnte!‹ Denn jener Leopold Kanitz von damals hatte mit seiner rapiden Apperzeptionsfähigkeit sofort begriffen, daß das große Geschäft seines Lebens ihm geradezu in die Hand fiel und er nichts zu tun brauchte, als zuzugreifen, daß er diesen herrlichen Besitz selbst kaufen könnte, statt ihn bloß zu pachten. Und während er unter gleichmütigem Geplauder sein Erschrecken verbarg, jagten innerlich die Gedanken. Selbstverständlich kaufen, überlegte er, ehe Petrovic einspringt oder der Direktor aus Budapest. Ich darf sie nicht herauslassen. Ich muß ihr den Rückweg sperren. Ich gehe nicht fort, ehe ich nicht Herr auf Kekesfalva bin. Und mit jener geheimnisvollen Doppelschichtigkeit, die unserem Intellekt in manchen gespannten Sekunden gegeben ist, dachte er gleichzeitig für sich, nur für sich, und sprach gleichzeitig mit berechnender Langsamkeit zu ihr im andern, im Gegensinne:


›Verkaufen … ja natürlich, gnädiges Fräulein, verkaufen kann man immer und alles … verkaufen ist an sich leicht … aber gut verkaufen, das ist die Kunst … Gut verkaufen, darauf kommt es an! Jemand Ehrlichen zu finden, jemanden, der schon das Land kennt, den Boden und die Leute … jemanden, der Beziehungen hat, gottbehüte nicht einen von diesen Advokaten, die einen doch nur unnütz in Prozesse hetzen wollen … und dann – sehr wichtig gerade in diesem Fall: bar verkaufen. Jemanden ausfindig machen, der nicht Wechsel und Schuldscheine gibt, um die man sich dann noch Jahre herumschlagen muß … sicher verkaufen und zum richtigen Preis.‹ (Und dabei rechnete er gleichzeitig: bis viermalhunderttausend Kronen kann ich gehen, bis vierhundertfünfzigtausend höchstens, es sind schließlich die Bilder dabei, die auch ihre fünfzigtausend, vielleicht hunderttausend wert sind, das Haus, das Gestüt … man müßte nur nachsehen, ob die Sache belastet ist, und herauskriegen aus ihr, ob schon vor mir jemand ein Angebot gemacht hat …) Und plötzlich gab er sich den inneren Stoß:


›Haben Sie schon, gnädiges Fräulein – verzeihen Sie, daß ich so indiskret frage – haben Sie eine ungefähre Vorstellung des Preises? Ich meine, haben Sie schon irgend eine bestimmte Ziffer in Aussicht genommen?‹


›Nein‹, antwortete sie ganz ratlos und sah ihn mit bestürzten Augen an.


Oh weh! Schlecht! – dachte Kanitz. Ganz schlecht! Mit denen, die keinen Preis nennen, verhandelt man immer am schwersten. Die gehen dann zu Pontius und Pilatus, um sich zu erkundigen, und jeder schätzt und redet und spricht hinein. Wenn man ihr Zeit läßt, sich zu erkundigen, ist alles verloren. Während dieses inneren Tumults jedoch sprach die Lippe beflissen weiter:


›Aber eine ungefähre Vorstellung werden Sie sich wohl gemacht haben, gnädiges Fräulein … man müßte schließlich auch wissen, ob und wieviel Hypotheken auf dem Besitz liegen …‹


›Hypo … Hypotheken?‹ wiederholte sie. Kanitz merkte sofort, sie hörte das Wort zum erstenmal im Leben.


›Ich meine … es muß doch irgendeine beiläufige Schätzung vorliegen … schon im Hinblick auf die Erbgebühren … Hat Ihnen Ihr Anwalt – verzeihen Sie, daß ich vielleicht zudringlich scheine, aber ich möchte Sie doch ehrlich beraten – hat Ihnen Ihr Anwalt gar keine Ziffern genannt?‹


›Der Anwalt?‹ – sie schien sich dumpf an etwas zu erinnern. ›Ja, ja … warten Sie … ja, etwas hat mir der Anwalt geschrieben, irgend etwas wegen einer Schätzung … doch, Sie haben recht, wegen der Steuern, aber … aber das war alles ungarisch abgefaßt, und ich kann nicht ungarisch. Richtig, ich erinnere mich schon, mein Anwalt schrieb, ich solle mir’s übersetzen lassen, und mein Gott, das hab ich in dem Trubel ganz vergessen. In meiner Tasche muß ich drüben noch die ganzen Schriften haben … drüben … ich wohne ja im Verwaltungsgebäude, ich kann doch nicht im Zimmer schlafen, wo die Frau Fürstin gewohnt hat … Aber wenn Sie wirklich so gütig sein wollen, mit hinüberzukommen, zeige ich Ihnen das alles … das heißt …‹ – sie stockte plötzlich – ›das heißt, wenn ich Sie nicht zu sehr bemühe mit meinen Angelegenheiten …‹


Kanitz zitterte vor Erregung. Das alles lief ihm mit einer Geschwindigkeit entgegen, wie man sie nur in Träumen kennt – sie selbst wollt ihm die Akten, die Schätzungen zeigen; damit hatte er endgültig die Vorhand. Demütig verbeugte er sich.


›Aber, verehrtes Fräulein, es ist mir doch nur eine Freude, Sie ein bißchen beraten zu können. Und ich darf ohne Übertreibung sagen, in diesen Dingen etwas Erfahrung zu besitzen. Die Frau Fürstin‹ – (hier log er entschlossen) – ›hat sich immer an mich gewendet, wenn sie eine finanzielle Auskunft brauchte, sie wußte, daß ich persönlich kein anderes Interesse kannte, als sie auf das beste zu beraten …‹


Sie gingen hinüber ins Verwalterhaus. Tatsächlich, alle Papiere des Prozesses lagen noch wirr zusammengestopft in der Aktentasche, die ganzen Korrespondenzen mit ihrem Advokaten, die Gebührenvorschreibungen, die Kopie des Vergleiches. Nervös blätterte sie die Dokumente durch, und Kanitz, der ihr schweratmend zusah, zitterten dabei die Hände. Endlich faltete sie ein Blatt auf.


›Ich glaube, das wird wohl jener Brief sein.‹


Kanitz nahm das Blatt, dem eine ungarische Beilage angeheftet war. Es war ein kurzes Schreiben des Wiener Anwalts: ›Wie mir mein ungarischer Kollege eben mitteilt, ist es ihm gelungen, auf Grund seiner Beziehungen eine ganz besonders niedrige Einschätzung der Verlassenschaft im Hinblick auf die Erbsteuer zu erzielen. Meiner Meinung nach entspricht dieser eingesetzte Schätzwert etwa einem Drittel, bei manchen Objekten sogar nur einem Viertel des wirklichen Werts …‹ Mit zitternden Händen nahm Kanitz die Schätzungsliste an sich. Ihn interessierte nur eines daran: das Gut Kekesfalva. Es war auf hundertneunzigtausend Kronen geschätzt.


Kanitz wurde blaß. Genau so hoch hatte er seinerseits kalkuliert, genau das Dreifache dieser künstlich herabgedrückten Schätzung, also sechshunderttausend bis siebenhunderttausend Kronen, und dabei hatte der Anwalt doch gar keine Ahnung von den chinesischen Vasen. Wieviel ihr jetzt bieten? Die Ziffern zuckten und schwirrten ihm vor den Augen.


Aber ganz ängstlich fragte die Stimme neben ihm: ›Ist es das richtige Papier? Können Sie es verstehen?‹


›Selbstverständlich‹, schrak Kanitz auf. ›Gewiß … also … der Anwalt verständigt Sie … der Schätzwert für Kekesfalva betrage hundertneunzigtausend Kronen. Das ist natürlich nur der Schätzwert.‹


›Der … Schätzwert? … Verzeihen Sie … aber was versteht man unter Schätzwert?‹


Jetzt galt es, die Volte zu schlagen, jetzt oder nie! Kanitz rang gewaltsam den Atem nieder. ›Der Schätzwert … ja, der Schätzwert, mit dem … mit dem ist es immer eine ungewisse … eine sehr dubiose Sache … denn … denn … der amtliche Schätzwert entspricht nie völlig dem Verkaufswert. Man kann nie darauf rechnen, das heißt, bestimmt darauf rechnen, den ganzen Schätzwert zu erzielen … in manchen Fällen natürlich kann man ihn erzielen, in manchen sogar noch mehr … aber doch nur unter gewissen Umständen … es bleibt immer eine Art Glücksspiel wie bei jeder Lizitation … Der Schätzwert bedeutet schließlich nichts als einen Anhaltspunkt, natürlich einen ganz vagen … zum Beispiel … man kann zum Beispiel annehmen‹ – Kanitz zitterte: nicht zuwenig jetzt und nicht zuviel! – ›wenn ein Objekt wie dieses hier amtlich auf hundertneunzigtausend Kronen geschätzt ist … dann kann man immerhin annehmen, daß … daß … daß im Verkaufsfall hundertfünfzigtausend jedenfalls zu erzielen sind, jedenfalls! Damit kann man auf jeden Fall rechnen.‹


›Wie viel, meinen Sie?‹


Kanitz dröhnten die Ohren von plötzlich aufpochendem Blut. Merkwürdig heftig hatte sie sich ihm zugewandt und gefragt wie jemand, der seinen Zorn nur noch mit letzter Kraft bändigt. Hatte sie das lügnerische Spiel durchschaut? Ob ich nicht noch rasch höher gehe um fünfzigtausend Kronen? Aber innen sprach eine Stimme: Versuch’s! Und er setzte alles auf eine Karte. Er sagte, obwohl seine Pulse wie Paukenschläge ihm an die Schläfen dröhnten, mit bescheidenem Ausdruck:


›Ja, das würde ich mir jedenfalls zumuten. Hundertfünfzigtausend Kronen, glaube ich, könnte man dafür unbedingt erzielen.‹


Aber in diesem Augenblick stockte ihm schon das Herz, und der Puls, der eben noch dröhnende, setzte völlig aus. Denn mit ehrlichster Verwunderung hatte die Ahnungslose neben ihm aufgestaunt:


So viel? Glauben Sie wirklich … so viel? …‹


Und Kanitz brauchte einige Zeit, um wieder seine Fassung zu finden. Hart mußte er den Atem zügeln, ehe er mit dem Ton biedermännischer Überzeugung erwidern konnte: ›Ja, gnädiges Fräulein, dafür kann ich mich so gut wie verpflichten. Das wird jedenfalls durchzusetzen sein.‹«


Doktor Condor unterbrach sich neuerdings. Erst meinte ich, er halte nur inne, um eine Zigarre anzuzünden. Aber ich merkte, er war mit einem Mal nervös geworden. Er nahm den Zwicker ab, setzte ihn wieder auf, strich das schüttere Haar wie etwas Lästiges zurück, sah mich an; es wurde ein langer, unruhig prüfender Blick. Dann lehnte er sich mit einem Ruck rücklings in den Sessel.


»Herr Leutnant, vielleicht habe ich Ihnen schon zuviel anvertraut – jedenfalls mehr, als ich ursprünglich wollte. Aber Sie mißverstehen mich hoffentlich nicht. Wenn ich Ihnen den Trick, mit dem Kekesfalva damals diese ganz ahnungslose Person überspielte, ehrlich mitteilte, geschah das keineswegs, um Sie gegen ihn einzunehmen. Der arme alte Mann, bei dem wir heute zu Nacht gegessen haben, herzkrank und verstört, wie wir ihn sahen, der mir sein Kind anvertraut hat und der den letzten Heller seines Vermögens hingeben würde, um die Arme geheilt zu wissen, dieser Mann ist ja längst nicht mehr der Mensch jenes fragwürdigen Geschäfts, und ich wäre der letzte, ihn heute anzuklagen. Gerade jetzt, da er in seiner Verzweiflung wirklich Hilfe braucht, scheint es mir wichtig, daß Sie von mir die Wahrheit statt von anderen böswilligen Tratsch erfahren. Bitte halten Sie also an einem fest – Kekesfalva (oder vielmehr damals noch Kanitz) war an jenem Tage nicht mit dem Vorsatz nach Kekesfalva gefahren, dieser weltfremden Person das Gut billig abzuschwatzen. Er wollte nur en passant eines seiner kleinen Geschäfte machen und nicht mehr. Jene ungeheure Chance hat ihn geradezu überfallen, und er wäre eben nicht er gewesen, hätte er sie nicht in der gründlichsten Weise ausgenützt. Aber Sie werden ja sehen, daß sich das Blatt dann einigermaßen gewendet hat.


Ich will nicht zu weitschweifig werden und kürze lieber die Einzelheiten. Nur das will ich Ihnen verraten, daß diese Stunden die gespanntesten, die erregtesten seines Lebens wurden. Überdenken Sie selbst die Situation: einem Menschen, bisher bloß ein mittlerer Agent, ein obskurer Geschäftemacher, saust plötzlich die Chance wie ein Meteor aus dem Himmel zu, über Nacht ein schwerreicher Mann zu werden. Er konnte innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehr verdienen als bisher in vierundzwanzig Jahren aufopferndster, kläglichster Kleinschacherei und – ungeheure Verlockung – er brauchte dem Opfer gar nicht nachzulaufen, es nicht zu fesseln, nicht zu betäuben – im Gegenteil, das Opfer ging ihm freiwillig in die Schlinge, es leckte geradezu noch die Hand, die schon das Messer hielt. Die einzige Gefahr bestand darin, daß jemand anderer ihm dazwischenkäme. Darum durfte er die Erbin nicht einen Augenblick lang aus der Hand lassen, ihr nicht Zeit lassen. Er mußte sie fortschleppen von Kekesfalva, ehe der Verwalter zurückkam, und durfte doch während all dieser Vorsichtsmaßnahmen in keiner Sekunde verraten, daß er selbst ein Interesse an dem Verkauf hatte.


Napoleonisch kühn und napoleonisch gefährlich war dieser Coup, die belagerte Festung Kekesfalva im Sturm zu überrennen, ehe das Entsatzheer herankam; aber dem Hasardeur macht der Zufall gern den Hehler und Helfer. Ein Umstand, von dem Kanitz selbst nichts ahnte, hatte ihm heimlich den Weg geebnet, die sehr grausame und doch natürliche Tatsache, daß dieser armen Erbin in den ersten Stunden auf ihrem ererbten Schlosse bereits so viel Erniedrigung und Haß entgegengeschlagen war, daß sie selbst nur den einen einzigen Wunsch hegte: fort, rasch fort! Keine Mißgunst gebärdet sich gemeiner als die subalterner Naturen, wenn ihr Nachbar aus der gleichen dumpfen Fron wie von Engelsschwingen hochgerissen wird: einem Fürsten werden kleine Seelen eher den rasendsten Reichtum verzeihen als dem Schicksalsgenossen gleichen Jochs die bescheidenste Freiheit. Die Hausbediensteten von Kekesfalva vermochten ihre Wut nicht zu unterdrücken, daß gerade diese Norddeutsche, der, wie sie sich genau erinnerten, die jähzornige Fürstin beim Frisieren oft Kamm und Bürste an den Kopf geworfen, nun plötzlich die Gutsherrin von Kekesfalva sein sollte und damit ihre Herrin. Petrovic hatte sich auf die Nachricht von der Ankunft der Erbin hin auf die Bahn gesetzt, um sie nicht begrüßen zu müssen, seine Frau, eine ordinäre Person und ehemaliges Küchenmädel im Schloß, hieß sie mit den Worten willkommen: ›Na, bei uns werden’s ja ohnedies net wohnen wollen, da wird’s Ihnen net fein genug sein.‹ Der Hausdiener hatte ihr den Koffer mit lautem Krach vor die Tür geschmissen, selber mußte sie, ohne daß die Frau des Verwalters eine Hand zur Hilfeleistung rührte, ihn über die Schwelle schleppen. Kein Mittagessen war vorbereitet, niemand kümmerte sich um sie, und nachts konnte sie vor ihrem Fenster ziemlich laut geführte Gespräche über eine gewisse ›Erbschleicherin‹ und ›Betrügerin‹ deutlich vernehmen.


An diesem ersten Empfang erkannte die arme schwachmütige Erbin, nie würde sie in diesem Hause eine ruhige Stunde haben. Nur darum – und das ahnte Kanitz nicht – nahm sie seinen Vorschlag begeistert an, noch am selben Tag nach Wien zu fahren, wo er angeblich einen sicheren Käufer wußte; wie ein Himmelsbote erschien ihr dieser ernste, gefällige, vielwissende Mann mit den melancholischen Augen. So fragte sie nicht weiter. Sie überließ ihm dankbar alle Papiere, mit stillauschenden blauen Blicken hörte sie zu, wie er sie wegen der Anlage der Kaufsumme beriet. Nur etwas Sicheres solle sie nehmen, Staatspapiere, mündelsichere. Keinem Privaten solle sie auch nur eine Krume ihres Vermögens anvertrauen, alles müsse in die Bank, und ein Notar, ein kaiserlich-königlicher Notar, die Verwaltung übernehmen. Auf keinen Fall hätte es Sinn, jetzt noch ihren Anwalt heranzuziehen, was sei denn das Advokatengeschäft anderes, als klare Dinge krumm zu kriegen? Gewiß, gewiß, flocht er immer wieder beflissen ein, es sei ja möglich, daß sie in drei Jahren, in fünf Jahren eine höhere Kaufsumme erzielen könne. Aber welche Kosten inzwischen und welche Scherereien bei Gericht und den Ämtern; und da er an ihren neuerdings aufschreckenden Augen erkannte, welchen Ekel diese friedliche Person vor Gerichten und Geschäften hatte, spielte er die ganze Tonleiter der Argumente immer wieder bis zum selben Schlußakkord: rasch! rasch! Um vier Uhr nachmittags, ehe Petrovic zurückkam, fuhren sie bereits einverständlich mit dem Schnellzug nach Wien. So orkanhaft geschwind war alles gekommen, daß Fräulein Dietzenhof gar nicht Gelegenheit hatte, den fremden Herrn, dem sie ihr ganzes Erbe zum Verkauf übertrug, nach seinem Namen zu fragen.


Sie fuhren im Schnellzug erster Klasse – es war das erste Mal, daß Kekesfalva auf diesen rotsamtenen Polstern saß; ebenso brachte er sie in Wien in einem guten Hotel in der Kärntner Straße unter und nahm dort gleichfalls ein Zimmer. Nun war einerseits nötig, daß Kanitz sich noch am selben Abend von seinem Spießgesellen, dem Advokaten Doktor Gollinger, den Kaufbrief vorbereiten ließ, um gleich am nächsten Tag den schönen Schnapp in rechtlich unantastbare Form bringen zu können, anderseits wagte er wieder nicht, sein Opfer nur eine Minute allein zu lassen. So verfiel er auf eine, ich muß ehrlich gestehen, geniale Idee. Er schlug Fräulein Dietzenhof vor, sie möge den freien Abend nutzen, um die Oper zu besuchen, wo ein aufsehenerregendes Gastspiel angekündigt war, indes er seinerseits trachten wolle, jenes Herrn, von dem er wisse, daß er nach einem großen Gute Ausschau halte, noch abends habhaft zu werden. Gerührt durch so viel Fürsorge, stimmte Fräulein Dietzenhof freudig zu; er verstaute sie in der Oper, damit war sie für vier Stunden festgenagelt, und Kanitz konnte in einem Fiaker – gleichfalls zum erstenmal in seinem Leben – zu seinem Kumpan und Hehler Doktor Gollinger rasen. Der war nicht zu Hause. Kanitz stöberte ihn in einer Weinstube auf, versprach ihm zweitausend Kronen, wenn er noch in derselben Nacht den Kaufvertrag in allen Einzelheiten ausarbeitete und mit dem fertigen Kaufbrief den Notar für den nächsten Abend um sieben Uhr bestellte.


Kanitz hatte – Verschwender zum erstenmal in seinem Leben – den Fiaker während der Verhandlungen vor dem Hause des Anwalts warten lassen; nach gegebener Instruktion sauste er zur Oper zurück und kam noch glücklich zurecht, um die vor Begeisterung ganz benommene Dietzenhof im Vestibül abzufangen und nach Haus zu geleiten. Damit begann für ihn die zweite schlaflose Nacht; je näher er seinem Ziele kam, um so nervöser bedrängte ihn der Argwohn, die bisher so Folgsame könnte noch ausspringen. Immer wieder aufstehend aus dem Bett, arbeitete er die Strategie der Umstellung für den nächsten Tag in allen Einzelheiten aus. Vor allem: keinen Augenblick sie allein lassen. Einen Fiaker mieten, ihn überall warten lassen, keinen Schritt zu Fuß gehen, damit sie nicht am Ende zufällig ihrem Anwalt auf der Straße begegne. Verhindern, daß sie eine Zeitung lese – vielleicht könnte wieder etwas über den Ausgleich im Prozeß Orosvár darinstehen, und sie Verdacht schöpfen, noch ein zweites Mal geprellt zu werden. Aber in Wirklichkeit waren alle diese Ängste und Vorsichtigkeiten überflüssig, denn das Opfer wollte ja gar nicht entkommen; wie ein Lamm an einem rosa Bändchen lief es dem schlimmen Schäfer gehorsam nach, und als unser Freund nach einer verwüsteten Nacht ausgemüdet den Frühstückssaal des Hotels betrat, saß sie schon, im gleichen selbstgeschneiderten Kleid, geduldig wartend. Und nun begann ein sonderbares Karussell, indem unser Freund das arme Fräulein Dietzenhof völlig überflüssigerweise von morgens bis abends im Kreise herumschleppte, um ihr alle jene künstlichen Schwierigkeiten vorzutäuschen, die er selbst in der schlaflosen Nacht auf das mühseligste für sie ausgeklügelt hatte.


Ich überschlage die Details; aber er schleppte sie zu seinem Anwalt und telephonierte von dort in ganz andern Angelegenheiten herum. Er brachte sie in eine Bank und ließ den Prokuristen holen, um wegen der Anlage zu beraten und ihr ein Konto zu eröffnen, er zerrte sie in zwei, drei Hypothekenanstalten und zu einem obskuren Realitätenbüro, als ob er dort Auskünfte holen müßte. Und sie ging mit, sie wartete still und geduldig in den Vorzimmern, indes er seine vorgetäuschten Verhandlungen führte: zwölfjährige Sklaverei bei der Fürstin hatte ihr dies Draußenwarten längst zur Selbstverständlichkeit gemacht, es drückte, es erniedrigte sie nicht, und sie wartete, wartete mit still überkreuzten Händen, sofort den blauen Blick niederschlagend, wenn jemand vorüberkam. Geduldig und folgsam wie ein Kind tat sie, was Kanitz ihr nahelegte. Sie unterschrieb bei der Bank Formulare, ohne sie weiter anzusehen, und quittierte die noch gar nicht erhaltenen Beträge derart unbedenklich, daß Kanitz der schlimme Gedanke zu quälen begann, ob diese Närrin nicht auch mit hundertvierzig- oder sogar mit hundertdreißigtausend Kronen ebenso zufrieden gewesen wäre. Sie sagte ›ja‹, als der Prokurist ihr zu Eisenbahnpapieren riet, sagte ›ja‹, als er ihr Bankaktien vorschlug, und blickte jedesmal ängstlich zu ihrem Orakel Kanitz hinüber. Deutlich war, daß all diese Praktiken des Geschäfts, diese Unterschriften und Formulare, ja daß der Anblick des bloßen nackten Geldes bei ihr eine gleichzeitig ehrfürchtige und doch peinliche Beunruhigung verursachte und sie sich nur danach sehnte, dieser unverständlichen Geschäftigkeit zu entrinnen, um still wieder in einem Zimmer zu sitzen, zu lesen, zu stricken oder Klavier zu spielen, statt mit unbelehrbarem Sinn und unsicherem Herzen vor solche verantwortlichen Entscheidungen gestellt zu sein.


Aber unermüdlich trieb Kanitz sie in diesem künstlichen Kreise herum, teils um ihr wirklich, wie er versprochen hatte, zur sichersten Anlage der Verkaufssumme zu verhelfen, teils um sie wirblig zu machen; das ging von neun Uhr früh bis abends halb sechs. Schließlich waren beide dermaßen erschöpft, daß er ihr vorschlug, in einem Kaffeehaus Rast zu halten. Alles Wesentliche sei ja schon erledigt, der Verkauf so gut wie perfekt; nur um sieben Uhr hätte sie beim Notar den Vertrag zu unterzeichnen und die Kaufsumme entgegenzunehmen. Sofort erhellte sich ihr Gesicht.


›Ach, dann könnte ich am Ende schon morgen früh abreisen?‹ Die beiden Kornblumen ihrer Augen strahlten ihn an.


›Aber selbstverständlich‹, beruhigte sie Kanitz. ›In einer Stunde sind Sie der freieste Mensch auf Erden und brauchen sich nie mehr um Geld und Besitz zu kümmern. Ihre sechstausend Kronen Rente sind mündelsicher angelegt. Sie können jetzt in der ganzen Welt leben, wo und wie es Ihnen gefällt.‹


Aus Höflichkeit erkundigte er sich, wohin sie zu fahren gedenke; ihr eben aufgehelltes Gesicht verschattete sich.


›Ich dachte, am besten gehe ich zunächst zu meinen Verwandten in Westfalen. Ich glaube, morgen früh fährt ein Zug über Köln.‹


Kanitz entwickelte sofort wilden Eifer. Er bestellte beim Oberkellner das Kursbuch, durchsuchte das Register, stellte alle Verbindungen zusammen. Schnellzug Wien-Frankfurt-Köln, dann umsteigen in Osnabrück. Am bequemsten der Morgenzug neun Uhr zwanzig, der sei abends in Frankfurt, dort rate er ihr, zu übernachten, um sich nicht zu übermüden. In seinem nervösen Eifer blätterte er gleich weiter und fand im Inseratenverzeichnis ein protestantisches Hospiz. Wegen der Fahrkarte brauche sie sich keine Sorgen zu machen, die besorge er, und zuverlässig werde er sie auch morgen an die Bahn begleiten. Mit derlei Erörterungen verging die Zeit schneller, als er gehofft hatte; endlich konnte er auf die Uhr sehen und drängen: ›Nun müssen wir aber zum Notar.‹


In einer knappen Stunde war dort alles erledigt. In einer knappen Stunde hatte unser Freund der Erbin drei Viertel ihres Vermögens abgeknöpft. Als sein Komplize den Namen des Schlosses Kekesfalva eingesetzt sah und dazu den geringen Kaufpreis, kniff er, ohne daß die Dietzenhof etwas merkte, das eine Auge zu und blinzelte seinen alten Spießgesellen bewundernd an. Diese kollegiale Bewunderung besagte, in Worten ausgedrückt, etwa: ›Großartig, du Lump! Was ist dir da gelungen!‹ Auch der Notar blickte interessiert hinter seiner Brille auf Fräulein Dietzenhof; er hatte wie jeder andere in den Zeitungen vom Kampf um die Erbschaft der Fürstin Orosvár gelesen, und dem Mann des Rechts kam dieser hitzige Weiterverkauf nicht recht geheuer vor. Arme Person, dachte er, du bist da in üble Hände gefallen! Aber es ist nicht Pflicht eines Notars, bei einem Kaufvertrag Verkäufer oder Käufer zu warnen. Er hat die Stempel zu setzen, den Akt einzutragen und die Gebühren erlegen zu lassen. So senkte der brave Mann nur – er hatte mancherlei Dubioses schon mitansehen und mit kaiserlichem Adler besiegeln müssen – den Kopf, faltete den Kaufvertrag sauber auseinander und lud die Dietzenhof höflich als erste zur Unterzeichnung ein.


Das scheue Wesen schreckte auf. Unschlüssig blickte sie auf ihren Mentor Kanitz, und erst als dieser sie mit einem Wink ermutigt hatte, trat sie an den Tisch und schrieb mit ihrer sauberen, klaren, aufrechten deutschen Schrift ›Annette Beate Maria Dietzenhof‹ hin; ihr folgte unser Freund. Damit war alles erledigt, der Akt unterfertigt, der Kaufpreis zu Händen des Notars hinterlegt, das Bankkonto bestimmt, auf das der Scheck am nächsten Tage überwiesen werden sollte. Mit diesem einen Federzug hatte Leopold Kanitz sein Vermögen verdoppelt oder verdreifacht, niemand als er war von dieser Stunde an Herr und Besitzer von Kekesfalva.


Der Notar trocknete sorglich die feuchten Unterschriften, dann schüttelten alle drei ihm die Hand und gingen die Treppe hinab, zuerst die Dietzenhof, hinter ihr verhaltenen Atems Kanitz und nach ihm Doktor Gollinger, wobei es Kanitz höchlichst erbitterte, daß ihm sein Komplize von rückwärts her andauernd mit dem Stock in die Rippen tippte und mit seiner Bierstimme pathetisch murmelte (nur ihm verständlich): ›Lumpus maximus, lumpus maximus!‹ Dennoch war es Kanitz unangenehm, als Doktor Gollinger sich bereits beim Haustor mit einer ironisch tiefen Verbeugung empfahl. Denn dadurch blieb er mit seinem Opfer allein, und das erschreckte ihn.


Aber Sie müssen, lieber Herr Leutnant, diese unerwartete Umschaltung zu begreifen suchen – ich möchte mich nicht pathetisch ausdrücken und sagen, daß in unserem Freunde plötzlich das Gewissen erwacht sei. Jedoch seit jenem einen Federstrich war die äußere Situation zwischen den beiden Partnern entscheidend verändert. Bedenken Sie: während dieser ganzen zwei Tage hatte Kanitz als Käufer gegen dieses arme Mädchen als gegen die Verkäuferin gekämpft. Sie war die Gegnerin gewesen, die er strategisch umfassen, die er einschließen und zur Kapitulation nötigen mußte; aber jetzt war die finanzmilitärische Operation zu Ende. Napoleon Kanitz hatte gesiegt, restlos gesiegt, und damit war dieses arme stille Mädchen, das im einfachen Kleid neben ihm durch die Walfischgasse schattete, nicht mehr sein Gegner, sein Feind. Und – so sonderbar es klingt, nichts bedrückte unseren Freund in diesem Augenblick seines raschen Sieges eigentlich mehr als das Faktum, daß sein Opfer ihm seinen Sieg zu leicht gemacht hatte. Denn wenn man gegen einen Menschen ein Unrecht begeht, tut es dem Täter geheimnisvollerweise wohl, herauszufinden oder sich vorzutäuschen, daß auch der Mißbrauchte in irgendeiner Kleinigkeit schlecht oder unrecht gehandelt habe; immer entlastet sich das Gewissen, wenn man dem Betrogenen wenigstens eine kleine Schuld zuteilen kann. Aber diesem Opfer hatte Kanitz nichts und nicht das Allergeringste vorzuwerfen; es hatte sich ihm mit gebundenen Händen übergeben und ihn dabei noch unablässig mit ahnungslos dankbaren kornblumenblauen Augen angeblickt. Was sollte er ihr jetzt nachträglich sagen? Sie noch beglückwünschen zum Verkauf, das heißt, zum Verlust? Immer unbehaglicher wurde ihm zumute. Zum Hotel begleite ich sie noch, überlegte er rasch; dann ist alles aus und vorbei.


Jedoch auch das Opfer an seiner Seite war sichtlich unruhig geworden. Auch sie bekam einen anderen, einen nachdenklich zögernden Gang. Kanitz, obwohl er den Kopf gesenkt hatte, entging diese Veränderung nicht, er spürte an der Art, wie sie zögernd die Schritte setzte (in das Gesicht wagte er ihr nicht zu blicken), daß sie angestrengt etwas überlegte. Angst überfiel ihn. Jetzt endlich hat sie begriffen, sagte er sich, daß ich der Käufer bin. Wahrscheinlich wird sie mir jetzt Vorwürfe machen, wahrscheinlich bereut sie schon ihre dumme Hast und rennt vielleicht morgen doch noch zu ihrem Anwalt.


Aber da – sie waren schon die ganze Walfischgasse, Schatten an Schatten, schweigend nebeneinander gegangen – faßte sie endlich Mut, räusperte sich und begann:


›Verzeihen Sie … aber da ich morgen früh wegreise, hätte ich noch gerne alles in Ordnung gebracht … Ich möchte Ihnen vor allem danken für Ihre große Mühe und … und … Sie bitten, daß Sie mir lieber gleich jetzt sagen … wieviel ich Ihnen noch für Ihre Bemühungen schuldig bin. Sie haben so viel Zeit mit Ihrer Vermittlung verloren und … ich reise morgen früh ab … da hätte ich doch gerne alles in Ordnung gebracht.‹


Unserm Freund stockte der Fuß, stockte das Herz. Das war zu viel! Darauf war er nicht gefaßt gewesen. Ihn überkam das peinliche Gefühl, wie wenn man im Zorn einen Hund geschlagen hat, und das geprügelte Tier kriecht auf dem Bauche heran, sieht mit flehenden Augen auf und leckt die grausame Hand.


›Nein, nein‹, wehrte er ganz betroffen ab, ›nichts, gar nichts schulden Sie mir‹, und er spürte zugleich, wie ihm der Schweiß aus den Poren brach. Ihm, der alles vorausberechnete, der seit Jahren gelernt hatte, jede Reaktion im vorhinein durchzukalkulieren, war etwas völlig Neues geschehen. Er hatte in seinen bitteren Agentenjahren erlebt, daß man die Türen vor ihm zuwarf, daß man seinen Gruß nicht erwiderte, und es gab manche Gassen in seinem Rayon, die er lieber vermied. Aber daß jemand ihm noch dankte – dies war ihm noch niemals geschehen. Und vor diesem ersten Menschen, der ihm trotz allem, trotz allem vertraute, schämte er sich. Wider seinen Willen fühlte er das Bedürfnis, sich zu entschuldigen.


›Nein‹, stammelte er, ›um Gottes willen nein … Sie sind mir nichts schuldig … ich nehme nichts … ich hoffe nur, daß ich alles richtig gemacht und ganz in Ihrem Sinne gehandelt habe … Vielleicht wäre es besser gewesen, zu warten, ja, ich fürchte selbst, man hätte … man hätte etwas mehr erzielen können, wenn Sie es nicht so eilig gehabt hätten … Aber Sie wollten ja rasch verkaufen – und ich glaube, es ist besser für Sie. Ich glaube bei Gott, es ist besser für Sie.‹


Der Atem kam ihm wieder, er wurde geradezu ehrlich in diesem Augenblick.


›Jemand wie Sie, der nichts von Geschäften versteht, tut am besten, er läßt davon die Hand. So jemand soll … soll lieber weniger haben, aber das ist sicher … Lassen Sie sich‹ – er schluckte heftig – ›lassen Sie sich, ich bitte Sie dringend darum, lassen Sie sich jetzt nicht nachträglich irremachen von andern Leuten, wenn die Ihnen einreden, Sie hätten schlecht verkauft oder zu billig verkauft. Nachträglich kommen jedesmal bei jedem Verkauf gewisse Leute und spielen sich auf und schwätzen, sie hätten mehr, sie hätten viel mehr gegeben … aber wenn es dazu kommt, dann zahlen sie nicht; alle die hätten Ihnen Wechsel angehängt oder Schuldscheine und Anteile … Das wäre nichts für Sie, wirklich nichts, ich schwöre es Ihnen, hier schwöre ich es Ihnen, wo ich vor Ihnen stehe, die Bank ist erstklassig und das Geld ist sicher. Sie werden regelmäßig auf Tag und Stunde Ihre Rente bekommen, da kann nichts geschehen. Glauben Sie mir … ich schwöre es Ihnen … es ist so besser für Sie.‹


Sie waren unterdes bis vor das Hotel gelangt. Kanitz zögerte. Ich sollte sie doch wenigstens einladen, dachte er. Zum Abendessen einladen, oder vielleicht in ein Theater. Da streckte sie ihm schon die Hände entgegen.


›Ich glaube, ich darf Sie nicht länger aufhalten … es drückt mich ohnehin die ganzen Tage, daß Sie mir so viel Zeit opfern. Seit zwei Tagen haben Sie sich ausschließlich meinen Sachen gewidmet, und ich habe wirklich das Gefühl, niemand hätte es hingebungsvoller tun können. Noch einmal … ich … ich danke Ihnen sehr. Es ist‹ – sie errötete ein wenig – ›es ist noch nie ein Mensch zu mir so gut, so hilfreich gewesen … ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich so rasch von dieser Sache befreit werde, daß alles so gut und so leicht für mich gemacht wird … Ich danke Ihnen sehr, ich danke Ihnen sehr!‹


Kanitz nahm ihre Hand und konnte nicht umhin, dabei zu ihr aufzusehen. Etwas von ihrer gewohnten Verängstigung war durch die Wärme des Gefühls gebrochen. Das sonst so blasse und so verschreckte Gesicht zeigte plötzlich einen belebten Glanz, beinahe kindlich sah sie aus mit ihren blauen, ausdrucksvollen Augen und dem dankbaren kleinen Lächeln. Kanitz suchte vergeblich nach einem Wort. Aber da grüßte sie schon und ging, leicht, schlank und sicher: es war ein anderer Gang als vordem, der Gang eines entlasteten, eines befreiten Menschen. Kanitz sah ihr ungewiß nach. Noch immer hatte er das Gefühl: ich wollte ihr noch etwas sagen. Doch der Portier hatte ihr schon den Schlüssel gereicht, der Boy führte sie zum Lift. Es war vorbei.


Das war der Abschied des Opfers von seinem Schlächter. Aber Kanitz war, als hätte er mit dem Beil sein eigenes Haupt getroffen; betäubt stand er einige Minuten und starrte in die verlassene Hotelhalle hinein. Schließlich schob die strömende Welle der Straße ihn fort, er wußte nicht, wohin er ging. So hatte noch nie ein Mensch ihn angesehen, so menschlich, so dankbar. So hatte noch nie jemand zu ihm gesprochen. Unwillkürlich klang ihm dieses ›Ich danke Ihnen sehr‹ im Ohre nach; und gerade diesen Menschen hatte er ausgeraubt, gerade diesen betrogen! Immer wieder blieb er stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Und plötzlich, vor dem großen Glasgeschäft in der Kärntner Straße, die er wie schlaftrunken entlangtaumelte, geschah es, daß ihm bei seinem sinnlosen Dahintorkeln im Spiegel der Auslage sein eigenes Gesicht entgegenstand, und er starrte sich an, wie man die Photographie eines Verbrechers in der Zeitung ansieht, um herauszubekommen, wo eigentlich in den Zügen das Verbrecherische steckt, im aufgestoßenen Kinn, in der bösen Lippe, in den harten Augen. Er starrte sich an, und hinter der Brille seine eigenen, ängstlich aufgerissenen Augen wahrnehmend, erinnerte er sich plötzlich an jene anderen von vorhin. Solche Augen müßte man haben, dachte er erschüttert, nicht so rotgeränderte, gierige, nervöse wie ich. Solche Augen müßte man haben, blaue, spiegelnde, von einer innerlichen Gläubigkeit beseelte (meine Mutter hat manchmal so dreingesehen, erinnerte er sich, am Freitagabend). Ja, so ein Mensch müßte man sein: lieber sich betrügen lassen, als zu betrügen – ein anständiger, ein argloser Mensch. Nur die sind von Gott gesegnet. Alle meine Gescheitheiten, dachte er sich, haben mich nicht glücklich gemacht, ich bleib doch ein geschlagener, ruheloser Mensch. Und er ging weiter, Leopold Kanitz, die Straße entlang, fremd sich selber, und nie war ihm erbärmlicher zumute gewesen als an diesem Tage seines größten Triumphs.


Schließlich setzte er sich in ein Café, weil er glaubte, Hunger zu haben, und bestellte. Aber jeder Bissen widerte ihn an. Ich werde Kekesfalva verkaufen, brütete er vor sich hin, gleich weiterverkaufen. Was soll ich mit einem Gut, ich bin kein Landwirt. Soll ich einzelner Mensch in achtzehn Zimmern wohnen und mich herumschlagen mit dem Gauner von Pächter? Es war ein Unsinn, ich hätte es für die Hypothekengesellschaft kaufen sollen, und nicht unter meinem Namen … denn wenn sie’s schließlich erfährt, daß ich der Käufer war … übrigens, ich will gar nicht viel verdienen dran! Wenn sie einverstanden ist, geb ich es ihr mit zwanzig oder auch mit zehn Perzent Gewinn wieder zurück, jederzeit kann sie es wiederhaben, wenn es sie reut.


Der Gedanke entlastete ihn. Morgen werde ich ihr schreiben oder übrigens – ich kann’s ihr selbst morgen früh vorschlagen, bevor sie abfährt. Ja, das war das Richtige: ihr freiwillig eine Option auf Rückkauf zu geben. Nun vermeinte er ruhig schlafen zu können. Aber trotz der beiden verwüsteten Nächte schlief Kanitz auch in dieser kümmerlich und schlecht; immer klang ihm noch der Tonfall dieses ›sehr‹, dieses ›Ich danke Ihnen sehr‹ im Ohr, norddeutsch, fremd, aber doch so schwingend von Aufrichtigkeit, daß die Erregung ihm bis in die Nerven bebte; kein Geschäft in den fünfundzwanzig Jahren hatte unserem Freunde solche Sorgen bereitet wie dieses, sein größtes, sein glücklichstes, sein gewissenlosestes.


Um halb acht Uhr stand Kanitz schon auf der Straße. Er wußte, daß der Schnellzug über Passau um neun Uhr zwanzig abging. So wollte er noch rasch etwas Schokolade kaufen oder eine Bonbonnière; er hatte das Bedürfnis nach einer Geste der Erkenntlichkeit und vielleicht im geheimen das Verlangen, noch einmal dieses neue Wort ›Ich danke Ihnen sehr‹ mit diesem ergreifenden fremdartigen Akzent zu hören. Er kaufte eine große Schachtel, die schönste, die teuerste, und auch sie schien ihm als Abschiedsgeschenk noch nicht schön genug. So besorgte er im nächsten Geschäft überdies Blumen, einen ganzen dicken rotleuchtenden Buschen. Die rechte und die linke Hand bepackt, kam er zurück ins Hotel und beauftragte den Portier, beides sofort Fräulein Dietzenhof auf ihr Zimmer zu senden. Aber der Portier, ihn nach wienerischer Art gleich im vorhinein adelnd, antwortete devot: ›Bittschön, bittsehr, Herr von Kanitz, das gnädige Fräulein sind schon im Frühstückszimmer.‹


Kanitz überlegte einen Augenblick. Der Abschied war gestern so aufwühlend für ihn gewesen, daß er Angst hatte, eine neue Begegnung könnte diese gute Erinnerung zerstören. Aber dann entschloß er sich doch und betrat, die Bonbonnière und die Blumen in je einer Hand, das Frühstückszimmer.


Sie saß mit dem Rücken gegen ihn; selbst ohne daß er ihr Gesicht sah, spürte er an der bescheiden-stillen Art, mit der dieses schmale Wesen an dem einsamen Tisch saß, etwas Rührendes, das ihn wider Willen ergriff. Scheu trat er heran und legte rasch die Bonbonnière und die Blumen hin: ›Eine Kleinigkeit für die Reise.‹


Sie schrak auf und errötete tief. Es war das erste Mal, daß sie von jemandem Blumen empfing, oder vielmehr, einmal hatte einer jener erbschleicherischen Verwandten in der Hoffnung, sie zur Verbündeten zu machen, ihr ein paar magere Rosen auf das Zimmer gesandt. Aber die furiose Bestie, die Fürstin, hatte ihr sofort befohlen, sie zurückzuschicken. Und nun kam jemand und brachte ihr Blumen, und niemand konnte es ihr verbieten.


›Ach nein‹, stammelte, ›wie komme ich denn dazu? Das ist viel … viel zu schön für mich.‹


Aber doch blickte sie dankbar auf. War es der Reflex der Blumen oder das aufwallende Blut – jedenfalls, ein rosiger Schein überhauchte immer stärker das verlegene Gesicht; das alternde Mädchen sah beinahe schön aus in diesem Augenblick.


›Wollen Sie nicht Platz nehmen?‹ sagte sie in ihrer Verwirrung, und ungeschickt setzte sich Kanitz ihr gegenüber.


›Sie reisen also wirklich?‹ fragte er, und ungewollt zitterte ein Ton aufrichtigen Bedauerns mit.


›Ja‹, sagte sie und senkte den Kopf. Es war keine Freude in diesem ›Ja‹, aber auch keine Trauer. Keine Hoffnung und keine Enttäuschung. Es war still gesagt, resigniert und ohne jedwede besondere Betonung.


In seiner Verlegenheit und aus dem Wunsch heraus, ihr dienlich zu sein, erkundigte sich Kanitz, ob sie ihre Ankunft schon telegraphisch vorausgemeldet habe. Nein, oh nein, das würde ihre Leute doch nur erschrecken, die bekämen in Jahren kein Telegramm ins Haus. Aber es seien doch nahe Verwandte, fragte Kanitz weiter. Nahe Verwandte – nein, durchaus nicht. Eine Art Nichte, die Tochter ihrer verstorbenen Stiefschwester; den Mann kenne sie überhaupt nicht. Sie bestellten ein kleines Landgut mit einer Imkerei, und beide hätten sehr freundlich geschrieben, sie könne ein Zimmer dort haben und bleiben, solange es ihr gefiele.


›Aber was wollen Sie denn dort tun, in diesem kleinen verlorenen Ort?‹ fragt Kanitz.


›Ich weiß nicht‹, antwortete sie mit gesenkten Augen.


Unser Freund wurde allmählich erregt. Es war etwas von solcher Leere und Verlassenheit um dieses Geschöpf und eine solche Gleichgültigkeit in der ratlosen Art, mit der sie sich selbst und ihr Schicksal hinnahm, daß er sich an sich selbst erinnerte, an sein unstetes, unbehaustes Leben. In ihrer Ziellosigkeit fühlte er die seine.


›Das hat doch keinen Sinn‹, sagte er beinahe heftig. ›Man soll nicht bei Verwandten wohnen, das tut nie gut. Und dann, Sie haben’s doch nicht mehr nötig, sich in einem solchen kleinen Nest zu vergraben.‹


Sie sah ihn dankbar und traurig zugleich an. ›Ja‹, seufzte sie, ›ich habe selbst ein wenig Angst davor. Aber was soll ich denn sonst tun?‹


Sie sagte es leer vor sich hin und hob dann die blauen Augen zu ihm auf, als erhoffte sie von ihm einen Rat – (Solche Augen müßte man haben, hatte Kanitz gestern zu sich selber gesagt) –, und plötzlich, er wußte nicht, wieso es ihm geschah, fühlte er einen Gedanken, einen Wunsch sich zur Lippe drängen.


›Aber dann bleiben Sie doch lieber hier‹, sagte er. Und ohne daß er es wollte, fügte er leiser bei: ›Bleiben Sie bei mir.‹


Sie schrak auf und starrte ihn an. Jetzt erst begriff er, daß er etwas ausgesprochen, was er gar nicht bewußt gewollt. Das Wort war ihm über die Lippe gekommen, ohne daß er es wie sonst gewogen, berechnet und geprüft. Ein Wunsch, den er sich selbst weder verdeutlicht noch eingestanden, war plötzlich Stimme, Schwingung, Ton geworden. An ihrem heftigen Erröten merkte er erst, was er gesagt, und fürchtete sofort, daß sie ihn mißverstehen könne. Wahrscheinlich dachte sie: als meine Geliebte. Und um sie auf keinen beleidigenden Gedanken kommen zu lassen, fügte er hastig bei:


›Ich meine – als meine Frau.‹


Sie fuhr jäh empor. Der Mund zuckte, er wußte nicht, ob zu einem Schluchzen oder zu einem bösen Wort. Dann sprang sie plötzlich auf und lief aus dem Zimmer.


Das war der furchtbarste Augenblick im Leben unseres Freundes. Jetzt erst verstand er die Torheit, die er begangen. Er hatte einen gütigen Menschen, den einzigen, der ihm Vertrauen entgegenbrachte, herabgesetzt, beleidigt, erniedrigt, denn wie konnte er, ein beinahe alter Mann, ein Jude, schäbig, unschön, ein Herumagentierer, ein Geldmacher, sich einem innerlich so vornehmen, so zartsinnigen Wesen anbieten! Unwillkürlich gab er ihr recht, daß sie mit solchem Abscheu davongelaufen war. Gut, sagte er grimmig zu sich. Recht ist mir geschehen. Endlich hat sie mich erkannt, endlich die Verachtung gezeigt, die mir gebührt. Besser so, als daß sie mir dankt für meine Lumperei. Nicht im mindesten war Kanitz durch ihre Flucht beleidigt, im Gegenteil, er war – dies hat er mir selbst gestanden – in diesem Augenblick geradezu froh. Er fühlte, er hatte seine Strafe erhalten; es war gerecht, daß sie von nun ab an ihn mit der gleichen Verachtung dachte, die er selber für sich empfand.


Aber da erschien sie schon wieder an der Tür, sie hatte feuchte Augen und war furchtbar erregt. Ihre Schultern zitterten. Sie kam auf den Tisch zu. Mit beiden Händen mußte sie sich an der Lehne festhalten, ehe sie sich neuerdings niedersetzte. Dann atmete sie leise, ohne den Blick zu heben:


›Verzeihen Sie … verzeihen Sie meine Ungehörigkeit … daß ich so aufgesprungen bin. Aber ich war so erschrocken … wie können Sie denn? Sie kennen mich doch gar nicht … Sie kennen mich doch gar nicht …‹


Kanitz war zu bestürzt, um ein Wort zu finden. Er sah nur, erschütterten Gefühls, daß kein Zorn in ihr war, sondern bloß Angst. Daß sie über die Unsinnigkeit seines plötzlichen Antrags genau so erschrocken war wie er selbst. Keiner hatte den Mut, zum andern zu sprechen, keiner den Mut, den andern anzuschauen. Aber sie reiste an diesem Vormittag nicht ab. Sie blieben von früh bis abends beisammen. Nach drei Tagen wiederholte er seinen Antrag, und nach zwei Monaten heirateten sie.«

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