VI.


Jede Materie trägt bestimmtes Maß der Spannung in sich, über die hinaus sie Steigerung nicht mehr zuläßt, das Wasser seinen Siedepunkt, die Metalle ihren Schmelzpunkt, und auch die Elemente der Seele entgehen nicht diesem unumstößlichen Gesetz. Freude kann einen Grad erreichen, in dem jedes Dazu nicht mehr fühlbar wird, und ebenso Schmerz, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Ekel und Angst. Einmal bis zum Rande gefüllt nimmt das innere Gefäß keinen Tropfen Welt mehr in sich hinein.


So empfindet Christine bei jenem Telegramm keinerlei neuen Schmerz. Oben im Bewußtsein versteht sie zwar deutlich, jetzt müßte ich doch erschrecken, mich ängstigen, mich sorgen, aber trotz dieser Anschaltung vom wachen Gehirn her funktioniert nicht das Gefühl: es nimmt die Mitteilung nicht zur Kenntnis, es antwortet nicht. Es ist, wie wenn ein Arzt mit einer Nadel in ein abgestorbenes Bein sticht: der Kranke sieht die Nadel, er weiß genau, sie ist spitz und glühend: jetzt da sie eindringt, muß es sofort weh tun, fürchterlich weh, und er spannt sich schon, in einem Riß der Qual alle Gelenke zusammenzureißen. Aber die glühende Nadel dringt ein, und doch, weil abgestorben, antwortet der Nerv nicht, und mit Grauen erkennt der Gelähmte, daß da unten in seinem Leib etwas völlig empfindungslos ist, daß er ein Stück Tod in seinem eigenen warmen Leib mitträgt. Dieses Grauen empfindet Christine, abermals und abermals das Blatt überlesend, vor ihrer eigenen Gleichgiltigkeit. Die Mutter ist krank, gewiß steht es verzweifelt mit ihr, sonst hätten die Sparsamen nicht so viel Geld an ein Telegramm gewagt. Sie ist vielleicht schon tot, wahrscheinlich sogar. Aber kein Finger bebt bei diesem Gedanken (der sie gestern noch hingeschmettert hätte) an ihrer Hand, und jener Muskel, der das Tränenwasser zwischen die Lider pumpt, hebt seinen Hebel nicht. Alles bleibt starr, und diese Starre geht von ihr über auf alles um sie. Daß der Zug mit klirrenden Takten unter ihr läuft, spürt sie nicht, daß auf der Holzbank gegenüber rotbackige Männer sitzen, Wurst essen und lachen, daß am Fenster vorbei immer neue Felsen aufspringen und sich wieder bücken zu kleinen blumigen Hügeln und ihre Füße baden in der weißsprühenden Bergmilch – all diese Prospekte, bei der ersten Fahrt als lebendigste Gestaltung empfunden und alle Sinne erregend, stehen jetzt starr vor ihrem erstarrten Auge. Erst als an der Grenze der Paßbeamte mit seiner Behelligung sie aufrüttelt, empfindet der Körper ein Gefühl: etwas Heißes trinken. Etwas, das diese fürchterliche Erfrorenheit ein wenig auftaut, das die verklemmte und wie verschwollene Kehle auflockert, daß man endlich atmen kann, endlich alles aus sich herausstöhnen.


Sie geht zum Buffet, trinkt ein Glas Tee mit heißem Rum. Das geht scharf ins Blut, selbst die starren Zellen oben im Gehirn belebend: sie kann wieder denken, und sofort fällt ihr ein, sie müsse nach Hause ihre Ankunft telegrafieren. Gleich rechts um die Ecke, sagt der Portier, und ja, ja, sie habe noch reichlich Zeit.


Christine sucht den Schalter. Die Glasscheibe war herabgelassen. Sie klopft. Ein Schritt von innen schlurft mißmutig langsam heran, die Scheibe klirrt hoch. »Was wünsche Sie?« fragt ein verdrossenes, graues, bebrilltes Frauengesicht. Christine kann nicht gleich antworten, so ist sie erschrocken. Denn ihr ist, diese verknöcherte, verwitterte alte Jungfer mit der Stahlbrille vor den abgematteten Augen, mit den pergamentenen Fingern, die jetzt automatisch das Formular herausreichen, das sei sie selbst in zehn, in zwanzig Jahren, ein Teufelsspiegel habe ihr sie selbst als ihr Postassistentin-Gespenst gezeigt; kaum kann sie schreiben, so bebt ihr die Hand. Das bin ich, das werde ich sein, schauert sie immerzu, immer wieder hinüberschielend zu der dürren fremden Frau, die geduldig gebückt vor dem Pult wartet, den Bleistift in der Hand – oh – sie kennt diese Geste, diese öden Minuten, und wie man abstirbt an einer jeden, um dann nutzlos alt zu werden, glücklos und verbraucht wie dies Spiegelgespenst. Mit zuckenden Knien schleppt Christine sich wieder in den Zug zurück. Kalter Schweiß perlt ihr über die Stirn wie einem, der im Traum sich im Sarge aufgebahrt hat liegen sehn, und mit einem großen Angstschrei erwacht ist.


In St. Pölten, müde von schlafloser Nachtfahrt, holt Christine ihre schmerzenden Glieder aus dem Zug heraus, da eilt schon quer über das Geleise der Aussteigenden jemand entgegen: der Lehrer Fuchsthaler, er muß die ganze Nacht hier gewartet haben. Beim ersten Blick weiß Christine alles – er trägt schwarzen Rock, schwarze Krawatte, und wie sie ihm jetzt die Hand reicht, schüttelt er sie teilnehmend, unter der Brille blicken hilflos gerührt seine Augen ihr entgegen. Christine fragt gar nicht mehr, seine Befangenheit hat alles gesagt. Aber merkwürdig, es erschüttert sie nicht. Sie spürt weder Schmerz noch Ergriffenheit, noch Überraschung. Die Mutter ist gestorben. Vielleicht ist es gut, gestorben zu sein.


Im Personenzug nach Klein-Reifling erzählt Fuchsthaler umständlich und rücksichtsvoll von den letzten Stunden der Mutter. Übernächtig sieht er aus, grau im grauen Morgen, voll Stoppeln das unrasierte Gesicht, die Kleider staubig und verdrückt. Jeden Tag war er dreimal, viermal bei der Mutter um ihretwillen, die Nächte hat er gewacht um ihretwillen. Rührender Freund, denkt sie im stillen. Wenn er doch schon nur aufhören wollte, ruhig sein, ihr Ruhe lassen, nicht mit dieser sentimental umflorten Stimme hinter gelben, schlechtplombierten Zähnen unaufhörlich auf sie lossprechen; ein körperlicher Widerwille faßt sie gegen den früher so sympathischen Mann, ein Widerwille, dessen sie sich vergeblich schämt und den sie doch als Galle auf den Lippen schmeckt.


Ohne daß sie vergleichen will, vergleicht sie ihn doch mit den Männern droben, diesen schlanken, gebräunten, gesunden, geschmeidigen Kavalieren mit den gepflegten Händen, den taillierten Röcken, und mit einer Art böser Neugier betrachtet sie die lächerlichen Einzelheiten seiner Traueraufmachung, den sichtlich gewendeten schwarzen Rock mit den ausgewetzten Ellenbogen, die fertig gekaufte schwarze Krawatte über dem schmutzigen billigen Hemd. Unerträglich kleinbürgerlich, zum Schreien lächerlich scheint ihr mit einmal dies schwarz angezogene dünne Männchen, dieser Dorfschulmeister mit seinen blassen abstehenden Ohren, seinem falschgezogenen, spärlichen Scheitel, seiner stählernen Brille über den blaßblauen und rotgeränderten Augen, dies Spitzmausgesicht aus Pergament über dem zerdrückten gelben Zelluloidkragen. Und der wollte … der … Nie, denkt sie, nie! Unmöglich sich von ihm berühren zu lassen, sich hinzugeben an die unkühne, unwürdige, zittrige Zärtlichkeit eines solchen verkleideten Pfarramtskandidaten, unmöglich! Schon bei dem bloßen Gedanken steigt ihr Ekel derart quellend in die Kehle, daß ihr ist, als müßte sie sich erbrechen.


»Was haben Sie?« unterbricht Fuchsthaler besorgt. Er hat bemerkt, daß ein plötzliches Zucken ihren Körper überläuft.


»Nichts … nichts … nur, ich glaube, ich bin zu müde. Ich kann jetzt nicht sprechen. Ich kann nichts hören!«


Christine lehnt sich zurück und schließt die Augen. Sofort wird ihr wohler, sobald sie ihn nicht mehr sehen muß, nicht mehr die tröstende weiche und gerade durch ihre Demütigkeit so unerträgliche Stimme hören. Eine Schande, denkt sie, er ist so gut zu mir, er opfert sich auf. Aber ich kann ihn nicht mehr ansehen, nicht mehr ertragen, ich kann nicht. Nie diesen Menschen, nie solche Männer wie ihn! Nie! Niemals!


Der Pfarrer litaneit sehr rasch an dem offenen Grab, denn der Regen fällt senkrecht und dicht. Ungeduldig treten die Totengräber, die Schaufeln in der Hand, im dicken Lehm von einem Fuß auf den andern. Der Guß wird immer heftiger, der Pfarrer spricht immer schneller, endlich ist alles vorbei, beinahe laufend und wortlos kehren die vierzehn Menschen, die die alte Frau zum Kirchhof begleitet haben, ins Dorf zurück. Christine spürt mit einemmal Grauen vor sich selbst, weil sie während der ganzen Zeremonie, statt erschüttert zu sein, zwanghaft an winzige Widrigkeiten denken muß: daß sie keine Galoschen an hat, voriges Jahr wollte sie welche kaufen und die Mutter hatte gesagt, es sei nicht nötig, sie leihe die ihren. Daß Fuchsthalers Mantelkragen, den er aufgestülpt hat, am innern Rand aufgerauht ist und durchwetzt. Daß ihr Schwager Franz dick geworden ist und beim raschen Gehen asthmatisch stöhnt, daß der Regenschirm ihrer Schwägerin zerrissen ist, man müßte ihn überziehen lassen. Daß die Krämerin keinen Kranz geschickt hat, sondern nur paar halbwelke Blumen aus dem Vorgarten, mit Draht zusammengesteckt. Daß der Bäcker Herdlitschka eine neue Tafel in ihrer Abwesenheit hat machen lassen – alles Gräßliche, Kleinliche, Widrige der kleinen Welt, in die sie zurückgestoßen ist, dringt mit spitzen Widerhaken in sie ein und quält so, daß sie kein Gefühl hat für den eigentlichen innern Schmerz.


Vor ihrer Wohnung verabschieden sich die Trauergäste und laufen, kotbespritzt und mit breiten Regenschirmen jetzt ganz ungehemmt ihren Häusern zu: nur die Schwester, der Schwager, die Witwe des Bruders und der Tischlermeister, den sie seitdem geheiratet hat, gehen zu ihr die knirschende Treppe hinauf. Das Zimmer hat nur vier Sitzgelegenheiten, sie sind fünf: so macht Christine den andern Platz. Ungemütlich eng und düster drückt der Raum. Von den aufgehängten nassen Mänteln und tropfenden Schirmen riecht es feucht und dumpf, an die Scheiben trommelt der Regen, leer und grau wartet im Schatten das Bett der Toten.


Keiner spricht. Aus Verlegenheit sagt Christine: »Ihr werdet’s doch einen Kaffee nehmen?«


»Ja, Christl«, sagt der Schwager, »was Warmes tat jetzt gut. Aber du müßtest fix machen, denn lang’ können wir nicht bleiben, um fünf geht unser Zug.« Jetzt, die Virginia im Mund, atmet er auf. Ein gutmütig jovialer Magistratsbeamter, der schon als Trainfeldwebel im Krieg und noch eiliger im Frieden sich vorzeitig ein Spitzbäuchlein zugelegt hat, fühlt er sich immer unbehaglich außer in Hemdärmeln und bei sich zu Hause; während der ganzen Zeremonie hat er mühsam ein Leichenbittergesicht aufgesetzt und sich stramm gehalten, jetzt knöpft er den schwarzen Trauerrock, in dem er wie verkleidet aussieht, ein bißchen auf und lehnt sich bequem im Sessel zurück: »War doch gescheit, daß wir die Kinder nicht mitgenommen haben. Nelly hat zwar gemeint, es gehört sich, sie müßten unbedingt beim Begräbnis der Großmutter dabei sein, aber ich hab’s gleich gesagt, so was Trauriges soll man Kindern nicht zeigen, sie verstehen’s eh noch nicht. Und dann schließlich, es ist ja auch furchtbar teuer, das Hin- und Herfahren, eine ganze Masse Geld, und bei diesen Zeiten…«


Christine reibt krampfhaft auf der Kaffeemühle. Fünf Stunden ist sie erst zurück, und zehnmal hat sie’s schon gehört, »zu teuer«, das verfluchte, verhaßte Wort. Fuchsthaler hat gemeint, es wäre zu teuer gewesen, den Primarius vom St. Pöltener Spittel zu holen, er hätte ja ohnehin nichts richten können, die Schwägerin hat’s vom Grabkreuz gesagt, man soll’s nicht aus Stein bestellen, »zu teuer«, die Schwester von den Totenmessen und jetzt der Schwager von der Fahrt. Unaufhörlich fließt und tropft es von allen über die Lippen wie der Regen draußen über die Traufe und schwemmt alle Freude fort. Täglich wird das jetzt wieder so tropfen und klopfen: zu teuer, zu teuer, zu teuer! Christine zittert, mit böser Hand reibt sie ihren Zorn in die knirschende Mühle: nur weg, nur weg, nur nichts mehr hören, nichts mehr sehen! Die übrigen sitzen unterdessen in Erwartung des Kaffees still um den Tisch und versuchen ein Gespräch. Der Mann, der die Witwe des Bruders geheiratet hat, ein kleiner Tischlermeister aus Favoriten, sitzt bescheiden geduckt unter den halben Verwandten, er hat sie gar nicht gekannt, die alte Frau; zwischen Frage und Antwort holpert mühselig das Gespräch hin und her und bleibt immer wieder stehen, als läge ein Stein im Wege. Endlich unterbricht der Kaffee, Christine stellt vier Schalen hin – mehr hat sie nicht –, dann geht sie wieder zum Fenster. Das verlegene Schweigen der Vier erdrückt sie, dieses merkwürdig verhaltene Schweigen, das ungeschickt einen und denselben Gedanken versteckt. Sie weiß, was jetzt kommen wird, sie fühlt es in den Nerven, draußen im Vorzimmer hat sie gesehen, daß jeder zwei leere Rucksäcke mitgenommen hat, sie weiß, sie weiß, was jetzt kommen wird, und der Ekel schnürt ihr die Kehle zu.


Endlich beginnt der Schwager mit seiner gemütlichen Stimme: »So ein Sauregen! Und die Nelly, vergeßlich wie sie ist, hat nicht einmal einen Schirm mitgenommen. Eigentlich wär’s das einfachste, du gibst ihr den von der Mutter mit, Christl! Oder brauchst ihn etwa selber?« »Nein«, sagt Christine vom Fenster aus und zittert. Jetzt kommt es, gleich wird es kommen; aber nur rasch, nur rasch!


»Überhaupt«, setzt wie auf Verabredung die Schwester ein, »wär’s nicht das Gescheiteste, wir täten jetzt gleich die Sachen von der Mutter aufteilen? Wer weiß, wann wir wieder alle vier zusammenkommen, der Franz hat so furchtbar viel Dienst, und Sie« (sie wendet sich zum Tischlermeister) »gewiß auch. Und noch einmal eigens herfahren, das steht doch nicht dafür, das kost’ wieder Geld. Ich glaub’, wir teilen’s am besten gleich auf, bist einverstanden, Christl?«


»Aber selbstverständlich.« Ihre Stimme wird plötzlich rauh. »Nur bitte ich euch, teilt alles allein unter euch auf! Ihr habt beide Kinder, ihr könnt die Sachen von der Mutter viel besser brauchen, ich hab’ nichts nötig, ich nehm’ nichts; teilt’s nur alles zwischen euch.«


Sie sperrt den Kasten auf, holt ein paar abgetragene Kleider und legt sie (es ist kein anderer Platz in der engen Mansarde) auf das Bett der Toten (gestern war es noch warm)! Es ist nicht sehr viel, ein bißchen Wäsche, der alte Fuchspelz, der gestopfte Mantel, ein Plaid, ein Stock mit Elfenbeingriff, die eingelegte Brosche aus Venedig, der Ehering, die kleine silberne Uhr mit der Kette, der Rosenkranz und das Emaillemedaillon aus Maria Zell, dann die Strümpfe, Schuhe, die Filzpantoffel, die Unterwäsche, ein alter Fächer, ein zerknüllter Hut und das vergriffene Gebetbuch. Nichts vergißt sie, die alte Frau hat ja so wenig gehabt, von dem schlotternden Pfandhauskram, dann wendet sie sich rasch weg zum Fenster und starrt in den Regen hinaus. Hinter ihr beginnen die beiden Frauen leise zu sprechen, die einzelnen Stücke gegeneinander abzuschätzen und sich zu verständigen. Was der Schwester zufällt, legt sie rechts auf das Bett der Toten, was der Schwägerin zufällt, links, dazwischen bleibt eine unsichtbare Wand und Grenzscheide.


Christine atmet hart am Fenster. Sie hört von innen heraus das abschätzende Feilschen, so leise sie auch sprechen, sie sieht ihre Finger, obwohl sie mit dem Rücken gegen das Bett der Toten gewandt steht, Mitleid mengt sich in ihren brennenden Zorn. »Wie arm sie sind, so erbärmlich arm, und ahnen es gar nicht. Einen Kram teilen sie, den andere nicht mit dem Fuß anstoßen; diese alten Flanellrollen, diese abgetragenen Schuhe, diese wahnwitzig lächerlichen Fetzen sind ihnen noch Kostbarkeiten! Was wissen sie von der Welt, was ahnen sie! Aber besser vielleicht, wenn man gar nicht erfährt, wie arm man ist, wie widerlich, wie ekelhaft arm und erbärmlich!«


Der Schwager tritt zu ihr heran: »Aber Christl, alles was recht ist, aber das geht doch nicht, daß du dir gar nix nimmst. Irgendwas mußt doch schon als Andenken an die Mutter behalten – die Uhr vielleicht oder wenigstens die Ketten.«


»Nein«, sagt sie hart, »ich will nichts, ich nehm’ nichts. Ihr habt’s Kinder, da hat’s einen Sinn. Ich brauch’ nichts – ich brauch’ überhaupt nichts mehr.«


Wie sie sich dann umdreht, ist schon alles vorbei, die Schwägerin und die Schwester haben jede ihr Teil eingepackt und in die mitgebrachten Rucksäcke geschoben – jetzt ist die Tote erst ganz begraben. Die Vier stehen herum, betreten und etwas beschämt; sie sind froh, das peinliche Geschäft so rasch und einverständlich erledigt zu haben, und doch ist ihnen nicht recht behaglich. Man müßte jetzt, ehe der Zug abfährt, noch irgendwie was Feierliches sagen, um die Erinnerung an das Geschäftliche zu verflüchtigen, oder überhaupt untereinander wie Verwandte sprechen. Schließlich erinnert sich der Schwager und fragt Christine: »Na, du hast ja gar nichts erzählt, wie war’s denn dort oben in der Schweiz?«


»Sehr schön«, stößt sie hart wie eine Messerklinge durch die Zähne.


»Das glaub ich«, seufzt der Schwager, »dort möcht’ unsereins auch einmal hin, überhaupt reisen! Aber das kann man sich nicht leisten mit einer Frau und zwei Kindern, das wäre doch zu teuer, und schon gar in eine so noble Gegend. Was kost’ denn in eurem Hotel dort ein Tag?«


»Ich weiß nicht«, atmet Christine mit letzter Kraft. Sie spürt, gleich werden ihre Nerven reißen. Wenn sie nur schon weg wären, nur schon weg! Glücklicherweise sieht Franz auf die Uhr. »Hallo, einsteigen, wir müssen zum Zug. Aber Christl, keine überflüssigen Höflichkeiten, du brauchst uns nicht zu begleiten, bei einem solchen Wetter. Du bleibst hier und kommst lieber einmal nach Wien! Jetzt, wo die Mutter tot ist, heißt’s zusammenhalten!«


»Ja, ja«, sagt Christine ungeduldig fremd und begleitet sie nur bis zur Tür. Die Holztreppe knirscht unter schweren Tritten, jeder trägt etwas weg auf den Schultern oder in der Hand. Endlich sind sie doch fort. Kaum haben sie das Haus verlassen, so reißt Christine mit einem Ruck das Fenster auf. Der Geruch erstickt sie, Geruch von kaltem Zigarettenrauch, schlechtem Essen, nassen Kleidern, Geruch von Grauen und Sorge und Seufzern der alten Frau, der gräßliche Geruch der Armut. Entsetzlich hier leben zu müssen, und wozu und für wen? Wozu das atmen Tag für Tag und wissen, daß irgendwo außen eine andere Welt ist, die wirkliche, und in ihr selbst ein anderer Mensch, der in diesem Dunst wie ein Vergifteter erstickt. Ihre Nerven beben und zittern. Mit einem Ruck wirft sie sich angekleidet hin auf das Bett, die Zähne verbissen in die Kissen, um nicht herauszuheulen vor hilflosem, brennenden Haß. Denn mit einmal haßt sie alle und alles, sich selbst und die andern, den Reichtum und die Armut, das ganze schwere unerträgliche und unverständliche Leben.


»Aufgeblasene Gredel, blöde.« Der Krämer Michael Pointner haut die Tür hinter sich zu, daß sie kracht. »Was diese gschnappige Person sich erlaubt, ist schon unerhört. So eine Giftnudel.«


»No, no, wer wird sich gleich so aufregen, was hast scho wieder«, beruhigt ihn mit breitem Lächeln der Bäckermeister Herdlitschka, der auf ihn vordem Postamt gewartet hat. »Hat dich wer bissen?«


»Weil’s wahr ist. So eine Frechheit, so ein aufgeschraubtes Luder wie die gibt’s nimmer. Jedesmal hat sie jetzt was andres. Das und das und das ist ihr nicht recht. Nur sekkieren1 möcht sie und sich patzig machen. Vorgestern hat’s ihr nicht gepaßt, daß ich den Begleitschein zu dem Packel Kerzen mit Tintenstift geschrieben hab statt mit Tinten, heute macht’s eine Red, sie sei nicht verpflichtet, schlechtverpackte Pakete anzunehmen, sie habe die Verantwortung. Zum Krenreiben brauche ich ihre Verantwortung, ich hab meiner Seel schon tausend Pakete von hier aus spediert, wie die Gans mit ihrem frechen Schnabel noch im Mist herumgestiert hat. Was die gleich für einen Ton einhängt, so von oben herab, so ›fein‹ Hochdeutsch, daß sie einem nur ja zeigt, unsereins ist ein Dreck gegen sie. Wen meint sie denn, daß sie vor sich hat. Aber jetzt hab ich’s satt. Mit mir soll sie sich nicht spielen.«


Dem dicken Herdlitschka lacht behagliche Schadenfreude aus den Augen. »Na, vielleicht hätt’ sie gerad dazu eine Lust, so ein fescher Kerl, was du bist. Bei solchen unfreiwilligen Jungfern kennt sich keiner aus. Vielleicht gfallst ihr gut und drum sekkiert sie dich.«


»Mach keine blöden Witz«, murrt der Krämer, »ich bin nicht der einzige, mit dem sie aufdrehen möcht. Erst gestern hat mir’s der Verwalter von der Fabrik drüben gsagt, wie sie ihn angeschnauzt hat, bloß weil er ein bisserl ein Spaß gemacht hat. ›Ich verbitte mir das, ich bin hier im Amt‹, als ob er ihr Schuhputzer wär. In die ist der Teufel gefahren, mit der ist was los. Aber verlaß dich, ich werd ihn ihr schon wieder austreiben. Mit mir wird sie schon einen andern Ton einhenken müssen oder sie erlebt was, und wenn ich von hier zu Fuß bis nach Wien auf die Postdirektion müßt.«


Er hat recht, der brave Pointner, es ist etwas los mit der Postassistentin Christine Hoflehner, das ganze Dorf hat das seit vierzehn Tagen heraus. Zuerst hat keiner was gesagt – mein Gott, die Mutter ist dem braven Mädel gestorben; zuerst, da hat man gemeint, das sei ihr so nahegegangen. Der Pfarrer ist zweimal herübergekommen sie zu trösten, Fuchsthaler hat jeden Tag gefragt, ob er ihr helfen könnte, die Nachbarin hat sich abends zu ihr setzen wollen, damit sie nicht so allein ist, die Frau vom ›Goldenen Ochsen‹ drüben hat ihr sogar angeboten, ob sie jetzt nicht drüben bei ihr ein Zimmer haben wollte mit Kost und Verpflegung, statt sich allein mit der Wirtschaft zu plagen. Aber sie hat nicht einmal recht Antwort gegeben, und jeder hat gleich gespürt, sie will ihn draußen haben. Etwas ist los mit der Postassistentin Christine Hoflehner, sie fährt nicht mehr wie sonst einmal in der Woche hinüber in den Singverein und sagt, sie sei heiser. Sie geht seit drei Wochen nicht mehr in die Kirche, nicht einmal eine Messe hat sie lesen lassen für die Mutter. Dem Fuchsthaler, der ihr vorlesen will, sagt sie, sie habe Kopfschmerzen, und wenn er ihr anbietet, einen Spaziergang zu machen, sagt sie, sie sei müde. Niemand geht sie mehr zu, wenn sie einkauft, tut sie, als versäume sie den Zug und spricht kein Wort mit jemand, und im Amt ist sie, die früher sonst als gefällig und hilfsbereit bekannt war, dauernd unfreundlich, kurz angebunden und sekkant.


Etwas ist mit ihr geschehen, sie weiß es selbst. Als hätte ihr jemand heimlich im Schlaf etwas Bitteres, etwas Scharfes und Böses ins Auge geträufelt, so sieht sie jetzt mit einmal die Welt, alles ist häßlich, böse und feindselig, seit sie es böse und feindselig sieht. Mit Erbitterung beginnt sie den Tag. Der erste Blick, den sie aufschlägt nach dem Schlafe, trifft auf die schiefen verräucherten Balken der Mansarde. Alles in dem Raum, das alte Bett, die schlechte Decke, der strohgeflochtene Sessel, der Waschtisch mit dem gesprungenen Henkelkrug, die mürbe Tapete, die hölzerne Diele, alles ist ihr verhaßt, am liebsten möchte sie die Augen schließen und wieder ins Dunkel hinab. Aber der Wecker erlaubt es nicht und klirrt ihr hart in die Ohren. Zornig steht sie auf, zornig zieht sie sich an, die alte Wäsche, das widrige schwarze Kleid. Unter dem Ärmel merkt sie einen Riß, aber es ärgert sie nicht. Sie nimmt nicht die Nadel, um es zu flicken. Wozu, für wen? Für diese Bauerntrampel hier ist man noch immer viel zu gut gekleidet. Nur weiter, nur rasch hinaus aus dem häßlichen Raum und hinüber in das Amt.


Aber das Amt ist nicht mehr, was es war. Nicht mehr der gleichgiltige ruhige Raum, in dem die Stunden langsam wie auf Rädern lautlos rollen. Wie sie den Schlüssel dreht und eintritt in das schreckliche stille Zimmer, das auf sie zu lauern scheint, muß sie immer an den Film denken, den sie vor einem Jahr gesehen. ›Lebenslänglich‹ heißt er, und ein Gefängniswärter, begleitet von zwei Polizisten, vollbärtig, hart und unnahbar, führt den Gefangenen, einen schwächlichen zitternden Knaben, in die kahle vergitterte Zelle. Ein Schauer war ihr damals wie allen andern Zuschauern über den Rücken gelaufen, und wieder spürt sie den Schauer, sie selbst ist es ja, Gefangenenwärter und Gefangene in einer Person. Zum erstenmal hat sie bemerkt, daß auch hier vergitterte Fenster sind, zum erstenmal empfindet sie diese weiß getünchten, kahlen Wände des geschäftlichen Zimmers als Kerker. Alle Dinge haben einen neuen Sinn: tausendmal sieht sie den Sessel, auf dem sie gesessen hat, tausendmal den tintenfleckigen Tisch, auf dem sie ihre Papiere zusammenlegt, tausendmal die Glasscheibe, die sie jetzt zum Beginn der Dienststunde emporschiebt. Und an der Uhr sieht sie zum erstenmal, daß sie nicht vorwärts geht, sondern im Kreise läuft, von zwölf bis eins, von eins bis zwei und wieder weiter bis zwölf und von eins zu zwei und wieder zurück auf zwölf, immer den gleichen Weg, ohne einen Schritt weiterzukommen, immer neu aufgezogen für den Dienst, ohne je frei zu werden, immer eingekerkert in dasselbe rechteckige braune Gehäuse. Und wenn Christine sich niedersetzt morgens um acht Uhr, ist sie müde – müde nicht von irgend etwas Vollbrachtem und Geleistetem, sondern müde schon im voraus alles dessen, was kommen wird, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Fragen, die gleichen Handgriffe, das gleiche Geld. Nach einer Viertelstunde bringt exakt der Briefträger Andreas Hinterfellner, grauhaarig, aber immer vergnügt, die Briefpost zum Sortieren. Früher hat sie es mechanisch getan, jetzt sieht sie lange die Briefe und Ansichtskarten an, besonders jene, die für das Schloß der Gräfin Gütersheim bestimmt sind. Sie hat drei Töchter, die eine ist verheiratet an einen italienischen Baron, die beiden Komtessen sind ledig und fahren viel in der Welt herum. Aus Sorrent sind die neuesten Karten, blaues Meer, im blühenden Bogen weit hinein ins Land geschwungen. Die Adresse Hôtel de Rome. Christine versucht sich das Hôtel de Rome vorzustellen und sucht es auf der Karte. Das Zimmer ist angekreuzt von der Komtesse, mitten zwischen Gärten, weiß leuchtend mit breiten Terrassen, von einem Spalier von Orangenbäumen umgeben. Unwillkürlich muß sie daran denken, wie es sein muß, dort abends zu gehen, wenn das Meer blau und kühl herweht und von den Steinen die Wärme des Tages atmend ausstrahlt, dort zu gehen mit …


Aber die Post will sortiert werden, weiter, weiter. Da ist ein Brief aus Paris. Sie weiß sofort, von der Tochter des …, der man allerhand Ungutes nacherzählt. Mit einem reichen Petroleumjuden hat sie ein Verhältnis gehabt, dann war sie Eintänzerin irgendwo und Ärgeres vielleicht, jetzt soll sie wieder jemand haben; tatsächlich, der Brief ist aus dem Hotel Maurice, vornehmstes Briefpapier. Zornig wirft ihn Christine zur Seite. Dann kommen die Drucksachen. Ein paar behält sie zurück, die für die Gräfin Gütersheim bestimmt sind. ›Die Dame‹, ›Die elegante Welt‹, und die andern Modezeitschriften mit Bildern – es macht nichts, wenn die Frau Gräfin sie erst mit der Nachmittagspost bekommt. Wenn es still wird im Dienstraum, so holt sie diese Zeitschriften aus dem Umschlag und blättert sie auf, sie sieht sich die Kleider an, die Bilder der Filmdarsteller und Aristokraten, die wohlgepflegten Landhäuser englischer Lords, Autos berühmter Künstler. Wie ein Parfüm spürt sie das in die Nüstern eindringen, sie erinnert sich an alle die Gestalten, neugierig sieht sie die Frauen in ihren Abendkleidern an und beinahe leidenschaftlich die Männer, diese erlesenen, in Luxus polierten oder von Intelligenz überleuchteten Gesichter, und die Finger zittern ihr nervös; sie legt die Hefte weg und nimmt sie immer wieder vor, Neugierde und Haß, Lust und Neid vermengen sich wechselvoll im Anblick dieser Welt, der sie sich gleichzeitig entfernt und verbunden fühlt.


Ein Aufschrecken ist es dann immer, wenn in den Kreis der verführerischen Bilder dann plötzlich grob mit schweren Schuhen, die Pfeife eingeklemmt in den Mund, mit verschlafenen Kuhaugen ein Bauer tritt und vor dem Pult ein paar Briefmarken verlangt, und ganz unwillkürlich geschieht es ihr, daß sie ihn anfährt mit irgendeinem groben Wort. »Können Sie nicht lesen, daß man hier nicht rauchen darf?« schleudert sie ihm grob in das gutmütig verdutzte Gesicht, oder sonst eine Unfreundlichkeit. Es geschieht, ohne daß sie es weiß, es ist wie ein Zwang, sich zu rächen an diesem einzelnen für die Häßlichkeit und Niedrigkeit der Welt. Nachher schämt sie sich. Sie können ja nichts dafür, die armen Kerle, daß sie so häßlich sind, so ungehobelt, so verschmutzt von ihrer Arbeit, so ertrunken in ihrem Dorfschlamm, denkt sie, ich bin ja nicht anders, bin ja selber so. Aber so dicht ist ihr Zorn mit Verzweiflung gepaart, daß er wider ihren Willen bei jedem Anlaß herausfährt. Nach dem ewigen Gesetz von der Fortwirkung der Kraft muß sie den Druck irgendwie weitergeben, und nur von diesem einzigen Punkt Macht, von dem kleinen erbärmlichen Amtspult her, kann sie ihn gegen Unschuldige entladen. Dort oben in der andern Welt hat sie ihr Dasein bestätigt empfunden mit einem Umworben- und Begehrtsein, hier vermag sie sich nicht bemerkbar zu machen, wenn sie nicht böse ist, wenn sie nicht dieses winzige Teil Macht, das ihr als Beamtin anheimgegeben ist, spielen läßt. Es ist arm, es ist kläglich, es ist niedrig, sie weiß es, gegen diese ahnungslosen braven Menschen sich aufzuspielen, aber immer wird durch das Böse eine Sekunde etwas von ihrem Zorn frei. Ganz tief gestaut steckt in ihr dieser Zorn, und wenn sie keine Gelegenheit bei Menschen hat, ihn zu entladen, so fährt er gegen die stummen Dinge. Ein Zwirnsfaden läßt sich nicht einfädeln: sie zerreißt ihn, eine Lade geht nicht gleich zu – sie schmettert sie mit voller Kraft in den Kasten hinein, die Postdirektion hat ihr falsche Konsignationen gesandt – sie schreibt statt einem höflichen einen empört herausfordernden Brief. Am Telefon funktioniert eine Verbindung nicht gleich – sie droht der Kollegin mit sofortiger Beschwerde; es ist kläglich, sie weiß es und beobachtet selbst mit Entsetzen ihre Veränderung. Aber sie kann nicht anders, sie muß ihren Haß irgendwie heraus in die Welt stoßen, sonst erstickt sie daran.


Ist das Amt zu Ende, so flüchtet sie in ihr Zimmer. Früher ist sie öfter eine halbe Stunde spazierengegangen, wenn die Mutter schlief, oder sie hat mit der Krämerin geplaudert oder mit den Kindern der Nachbarin gespielt, jetzt schließt sie sich ein und schließt damit ihre Feindseligkeit hinter ihre vier Wände, damit sie die Leute nicht anfährt wie ein gereizter Hund. Sie kann die Straße nicht sehen mit ewig denselben Häusern, Anschriften und Gesichtern. Lächerlich scheinen ihr die Weiber in ihren weiten Kattunröcken, ihren aufgetürmten fettigen Haaren, ihren plumpberingten Händen, unerträglich die Männer, schnaufend und schmerbäuchig, und am widerlichsten die Burschen, wenn sie städtisch tun, sich Pomade ins Haar schmieren, unerträglich das Wirtshaus, wo es nach Bier riecht und schlechtem Rauch und rotbackig blöd das dralle Mädel die sinnlichen Griffe und Scherze des Forstadjunkten und des Gendarmeriewachtmeisters hinnimmt. Lieber sperrt sie sich ins Zimmer, aber sie zündet kein Licht, um die verhaßten Dinge nicht zu sehen. Stumm sitzt sie da und denkt nach, immer dasselbe. Sie erinnert sich mit einer erstaunlichen Kraft und Deutlichkeit, und es zeichnen sich jetzt unzählige Einzelheiten ab, die sie im Wirbel gar nicht bemerkt und gefühlt hatte. An jedes Wort, an jeden einzelnen Blick erinnert sie sich, jede Speise, die sie gegessen, bringt ihr mit erstaunlicher Kraft ihren Geschmack zurück, sie spürt den Wein auf der Lippe, den Likör. Sie vergegenwärtigt sich das Gefühl des leichten Seidenkleides auf den nackten Schultern und die Weiche des weißen Bettes. Eine Unzahl Dinge fällt ihr ein: daß der kleine Engländer ihr damals auf dem Gang merkwürdig zäh gefolgt und abends vor ihrer Tür stehengeblieben ist, gewisse zärtliche Striche des Mannheimer Mädels ihren Arm entlang brennen ihr plötzlich elektrisch auf der Haut, und nachträglich fällt ihr ein, gehört zu haben, daß auch Frauen ineinander verliebt sein können. Jede Sekunde, jeden Tag von damals rekapituliert sie Stunde für Stunde und weiß jetzt erst, wie voll ungenutzter und ungeahnter Möglichkeiten jene Zeit gewesen. So sitzt sie jeden Abend stumm und still und träumt sich in jene Zeit zurück, wie sie gewesen, und weiß zugleich, daß sie es nicht mehr ist, und will es doch nicht wissen und weiß es doch. Wenn es an die Tür pocht – Fuchsthaler versucht mehrmals sie zu trösten –, rührt sie sich nicht und hält den Atem an, atmet auf, wenn sie die Schritte wieder hinab die knirschende Treppe hört, ihre Träume sind das einzige, was sie noch hat, sie will sie nicht hergeben. Ausgemüdet von ihnen legt sie sich dann ins Bett und schreckt immer zusammen, so kalt und feucht legt es sich ihr an die verwöhnte Haut. Ihre Kleider, ihren Mantel muß sie noch über die Decke legen, dermaßen schüttelt sie der Frost. Spät schläft sie dann ein, aber es wird kein guter Schlaf, immer voll ängstig phantastischer Träume, immer fährt sie in diesen Träumen auf, im Auto saust sie schnell, furchtbar schnell die Berge hinauf und die Berge hinab, immer ist Angst in ihr vor dem Fall und gleichzeitig die Lust der Geschwindigkeit, und immer neben ihr ein Mann, der Deutsche oder ein anderer, der sie hält. Mit einem spürt sie erschreckt, daß sie nackt neben ihm sitzt, und schon sind alle um sie herum und lachen, das Auto stockt, sie schreit ihn an, er soll es doch wieder ankurbeln, schnell, rasch, fester, fester, und bis in die Eingeweide hinein spürt sie den Stoß des endlich ansausenden Motors, und nun die reine strömende Lust, wie es flachen Flugs über die Felder saust, in den dunklen Wald hinein, und sie ist nicht mehr nackt, aber er preßt sie an sich, eng und enger, daß sie stöhnt und zu vergehen meint. Dann wacht sie auf, geschwächt, todmüde, mit schmerzenden Gliedern und sieht die Mansarde, die geräucherten, wurmzerfressenen, schrägen Balken mit den Spinnweben über dem Dach und bleibt liegen, müde, leer, bis dann der Wecker klirrt, der unerbittliche Herold des Atems, und sie aufsteht aus dem verhaßten alten Bett in ihre verhaßten alten Kleider, in den verhaßten Tag hinein.




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Die hier vorzufindene Sammlung der gemeinfreien Werke Stefan Zweigs ist aus der Ausgabe des Null Papier Verlages übernommen. Zu dieser Ausgabe gelangen Sie durch einen Klick auf diesen Eintrag.