Zweite Szene


Im gleichen Zimmer. Spätnacht des folgenden Tages.


Der Sekretär: Sie sollten sich heute früher niederlegen, Leo Nikolajewitsch, Sie müssen müde sein nach dem langen Ritt und den Aufregungen.


Tolstoj: Nein, gar nicht müde bin ich. Müde macht den Menschen nur eines: Schwanken und Unsichersein. Jede Tat befreit, selbst die schlechte ist besser als Nichttun. (Er geht im Zimmer auf und ab.) Ich weiß nicht, ob ich heute richtig gehandelt habe, ich muß erst mein Gewissen fragen. Daß ich mein Werk an alle zurückgab, hat mir die Seele leicht gemacht, aber ich glaube, ich hätte dies Testament nicht heimlich machen dürfen, sondern offen vor allen und mit dem Mut der Überzeugung. Vielleicht habe ich unwürdig getan, was um der Wahrheit willen freimütig hätte getan sein müssen – aber gottlob, nun ist es geschehen, eine Stufe weiter im Leben, eine Stufe näher dem Tod. Jetzt bliebe nur noch das Schwerste, das Letzte: zur rechten Stunde ins Dickicht kriechen wie ein Tier, wenn das Ende kommt, denn in diesem Hause wird mein Tod unwahrhaftig sein wie mein Leben. Dreiundachtzig Jahre bin ich alt, und noch immer, noch immer finde ich nicht die Kraft, mich ganz vom Irdischen loszureißen, und vielleicht versäume ich die rechte Stunde.


Der Sekretär: Wer weiß seine Stunde! Wenn man die wüßte, wäre alles gut.


Tolstoj: Nein, Wladimir Georgewitsch, gar nicht gut wäre das. Kennen Sie nicht die alte Legende, ein Bauer hatte sie mir einmal erzählt, wie Christus das Wissen um den Tod von den Menschen nahm? Vordem kannte ein jeder im voraus seine Todesstunde, und als Christus einmal auf Erden kam, merkte er, daß manche Bauern nicht ihren Acker bestellten und wie die Sünder lebten. Da tadelte er einen unter ihnen um seiner Lässigkeit willen, doch der Schächer murrte nur: für wen solle er da noch Saat eingießen in die Erde, wenn er die Ernte nicht mehr erlebe. Da erkannte Christus, daß es schlecht wäre, wenn die Menschen im voraus wüßten um ihren Tod, und nahm ihnen ihr Wissen. Seitab müssen die Bauern ihr Feld bestellen bis zum letzten Tage, als ob sie ewig lebten, und dies ist recht, denn nur durch die Arbeit hat man am Ewigen teil. So will auch ich noch heute (er deutet auf sein Tagebuch) mein tägliches Feld bestellen.


(Heftige Schritte von außen, die Gräfin tritt ein, schon im Nachtkleid, und wirft einen bösen Blick auf den Sekretär.)


Die Gräfin: Ach so… ich dachte, du wärest endlich allein… ich wollte mit dir sprechen…


Der Sekretär (verbeugt sich): Ich gehe schon.


Tolstoj:: Leben Sie wohl, lieber Wladimir Georgewitsch.


Die Gräfin (kaum daß die Tür sich hinter ihm geschlossen): Immer ist er um dich, wie eine Klette hängt er dir an… und mich, mich haßt er, er will mich von dir entfernen, dieser schlechte, heimtückische Mensch.


Tolstoj: Du bist ungerecht gegen ihn, Sonja.


Die Gräfin: Ich will nicht gerecht sein! Er hat sich eingedrängt zwischen uns, gestohlen hat er dich mir, entfremdet deinen Kindern. Nichts gelte ich mehr, seit er hier ist, das Haus, du selbst gehörst jetzt aller Welt, nur uns nicht, deinen Nächsten.


Tolstoj: Könnte ich’s nur in Wahrheit! So will es ja Gott, daß man allen gehöre und nichts für sich behalte und die Seinen.


Die Gräfin: Ja, ich weiß, das redet er dir ein, dieser Dieb an meinen Kindern, ich weiß, er bestärkt dich gegen uns alle. Darum dulde ich ihn nicht mehr im Haus, diesen Aufreizer, ich will ihn nicht.


Tolstoj: Aber Sonja, du weißt doch, daß ich ihn brauche für meine Arbeit.


Die Gräfin: Du findest hundert andere! (Abweisend:) Ich ertrage nicht seine Nähe. Ich will diesen Menschen nicht zwischen dir und mir.


Tolstoj: Sonja, Gute, ich bitte dich, errege dich nicht. Komm, setze dich hierher, sprechen wir doch still miteinander – ganz so wie in der hingegangenen Zeit, als unser Leben anfing –, bedenke doch, Sonja, wie wenig bleibt uns an guten Worten und an guten Tagen noch! (Die Gräfin sieht beunruhigt um sich und setzt sich zitternd nieder.) Sieh, Sonja, ich brauche diesen Menschen – vielleicht brauche ich ihn nur, weil ich schwach bin im Glauben, denn, Sonja, ich bin nicht so stark, als ich mir wünschte zu sein. Jeder Tag zwar bestätigt mir’s, viele Tausende Menschen sind irgendwo weit in der Welt, die meinen Glauben teilen, aber versteh dies, so ist unser irdisches Herz; es braucht, um seiner sicher zu bleiben, wenigstens von einem Menschen die nahe, die atmende, die sichtbare, die fühlbare, die greifbare Liebe. Vielleicht konnten die Heiligen ohne Helfer allein in ihrer Zelle wirken und auch ohne Zeugen nicht verzagen, aber sieh, Sonja, ich bin doch kein Heiliger – ich bin nichts als ein sehr schwacher und schon alter Mann. Deshalb muß ich jemanden nahe haben, der meinen Glauben teilt, diesen Glauben, der jetzt das Teuerste meines alten, einsamen Lebens ist. Mein größtes Glück freilich wäre das gewesen, wenn du selbst, du, die ich seit achtundvierzig Jahren dankbar achte, wenn du an meinem religiösen Bewußtsein teilgenommen hättest. Aber Sonja, du hast es ja niemals gewollt. Was meiner Seele das Teuerste ward, das siehst du ohne Liebe, und ich fürchte, du siehst es sogar mit Haß. (Die Gräfin macht eine Bewegung.) Nein, Sonja, mißverstehe mich nicht, ich klage dich nicht an. Du hast mir und der Welt gegeben, was du geben konntest, viel mütterliche Liebe und Sorgenfreudigkeit; wie solltest du Opfer bringen für eine Überzeugung, die du nicht mitlebst in deiner Seele. Wie sollte ich dir Schuld geben, daß du meine innersten Gedanken nicht teilst – bleibt doch immer das geistige Leben eines Menschen, seine letzten Gedanken ein Geheimnis zwischen ihm und seinem Gott. Aber sieh, da ist ein Mensch gekommen, endlich einer in mein Haus, hat vordem selbst gelitten in Sibirien für seine Überzeugung und teilt nun die meine, ist mir Helfer und lieber Gast, hilft und bestärkt mich in meinem inneren Leben – warum willst du mir diesen Menschen nicht lassen?


Die Gräfin: Weil er dich mir entfremdet hat, und das kann ich nicht ertragen, das kann ich nicht ertragen. Das macht mich rasend, das macht mich krank, denn ich spüre genau, alles, was ihr tut, geht gegen mich. Heute wieder, mittags, habe ich ihn ertappt, da steckte er hastig ein Papier weg, und keiner von euch konnte mir aufrecht in die Augen sehn: nicht er und nicht du, und nicht Sascha! Ihr alle verbergt etwas vor mir. Ja, ich weiß es, ich weiß es, ihr habe etwas Böses gegen mich getan.


Tolstoj: Ich hoffe, daß Gott mich, eine Handbreit vor meinem Tode, davor bewahrt, wissentlich etwas Böses zu tun.


Die Gräfin (leidenschaftlich): Also du bestreitest nicht, daß ihr Heimliches getan habt… etwas gegen mich. Ah, du weißt, vor mir kannst du nicht lügen wie vor den andern.


Tolstoj (heftig auffahrend): Ich lüge vor den andern? Das sagst du mir, du, um derentwillen ich vor allen als Lügner erscheine. (Sich bezähmend:) Nun, ich hoffe zu Gott, daß ich die Sünde der Lüge wissentlich nicht begehe. Vielleicht ist es mir schwachem Menschen nicht gegeben, immer die ganze Wahrheit zu sagen, aber dennoch glaube ich, darum kein Lügner, kein Betrüger an den Menschen zu sein.


Die Gräfin: Dann sage mir, was ihr getan habt – was war das für ein Brief, für ein Papier… quäle mich doch nicht länger…


Tolstoj (auf sie zutretend, sehr sanft): Sofia Andrejewna, nicht ich quäle dich, sondern du selbst quälst dich, weil du mich nicht mehr liebst. Hättest du noch Liebe, so hättest du auch Vertrauen zu mir – Vertrauen selbst dort, wo du mich nicht mehr begreifst. Sofia Andrejewna, ich bitte dich, sieh doch in dich hinein: achtundvierzig Jahre leben wir zusammen! Vielleicht findest du aus diesen vielen Jahren irgendwo noch aus vergessener Zeit in irgendeiner Falte deines Wesens ein wenig Liebe zu mir: dann nimm, ich bitte dich, diesen Funken und fache ihn an, versuche noch einmal zu sein, die du mir so lange warst, liebend, vertrauend, sanft und hingegeben; denn, Sonja, manchmal erschrecke ich, wie du jetzt zu mir bist.


Die Gräfin (erschüttert und erregt): Ich weiß nicht mehr, wie ich bin. Ja, du hast recht, häßlich bin ich geworden und böse. Aber wer könnte das ertragen, mit anzusehen, wie du dich quälst, mehr zu sein als ein Mensch – diese Wut, mit Gott zu leben, diese Sünde. Denn Sünde, ja Sünde ist das, Hochmut, Überhebung und nicht Demut, sich so hinzudrängen zu Gott und eine Wahrheit zu suchen, die uns versagt ist. Früher, früher, da war alles gut und klar, man lebte wie alle andern Menschen, redlich und rein, hatte seine Arbeit und sein Glück, und die Kinder wuchsen auf, und man freute sich schon ins Alter hinein. Und plötzlich mußte dies über dich kommen, damals vor dreißig Jahren, dieser furchtbare Wahn, dieser Glaube, der dich und uns alle unglücklich macht. Was kann ich dafür, daß ich’s heute noch nicht verstehe, welchen Sinn das hat, daß du Ofen putzest und Wasser trägst und schlechte Stiefel schusterst, du, den eine Welt als ihren größten Künstler liebt. Nein, noch immer will das, mir nicht eingehn, warum unser klares Leben, fleißig und sparsam, still und einfach, warum das mit einemmal Sünde sein sollte an andern Menschen. Nein, ich kann es nicht verstehen, ich kann, ich kann es nicht.


Tolstoj (sehr sanft): Sieh, Sonja, gerade dies sagte ich dir ja: dort, wo wir nicht begreifen, eben dort müssen wir dank unserer Liebeskraft vertrauen. So ist es mit den Menschen, so auch mit Gott. Meinst du, ich maße mir wirklich an, das Rechte zu wissen? Nein, ich vertraue nur, was man so redlich tut, um das man so bitter sich quält, das kann vor Gott und den Menschen nicht ganz ohne Sinn und Wert sein. So versuche auch du, Sonja, ein wenig zu glauben, wo du mich nicht mehr begreifst, vertraue doch wenigstens meinem Willen zum Rechten, und alles, alles wird noch einmal gut.


Die Gräfin (unruhig): Aber du sagst mir dann alles… du wirst mir alles sagen, was ihr heute getan habt.


Tolstoj (sehr ruhig): Alles werde ich dir sagen, nichts will ich mehr verbergen und heimlich tun, in meinem Handbreit Leben. Ich warte nur, bis Serjoschka und Andrey zurück sind, dann will ich vor euch alle hintreten und aufrichtig sagen, was ich in diesen Tagen beschlossen. Aber diese kurze Frist, Sonja, lasse dein Mißtrauen und spüre mir nicht nach – es ist dies meine einzige, meine innigste Bitte, Sofia Andrejewna, willst du sie erfüllen?


Die Gräfin: Ja… ja… gewiß… gewiß.


Tolstoj: Ich danke dir. Sieh, wie leicht doch alles wird durch Offenheit und Zuversicht! Wie gut, daß wir sprachen in Frieden und Freundschaft. Du hast mir das Herz wieder warm gemacht. Denn sieh, als du eintratest, da lag dunkel das Mißtrauen auf deinem Gesicht, fremd war mir’s durch Unruhe und Haß, und ich erkannte dich nicht als jene von einst. Nun liegt deine Stirn wieder klar, und ich erkenne wieder deine Augen, Sofia Andrejewna, deine Mädchenaugen von einst, gut und mir zugewandt. Aber nun ruhe dich aus, du Liebe, es ist spät! Ich danke dir von Herzen. (Er küßt sie auf die Stirn, die Gräfin geht, bei der Tür wendet sie sich noch einmal erregt um.)


Die Gräfin: Aber du wirst mir alles sagen? Alles?


Tolstoj (noch immer ganz ruhig): Alles, Sonja. Und du gedenke deines Versprechens.


(Die Gräfin entfernt sich langsam mit einem unruhigen Blick auf den Schreibtisch.)


Tolstoj (geht mehrmals im Zimmer auf und ab, dann setzt er sich zum Schreibtisch, schreibt einige Worte in das Tagebuch. Nach einer Weile steht er auf, schreitet auf und nieder, tritt noch einmal zum Pult zurück, blättert nachdenklich in dem Tagebuch und liest halblaut das Geschriebene): »Ich bemühe mich, Sofia Andrejewna gegenüber so ruhig und fest als möglich zu sein, und glaube, ich werde mein Ziel, sie zu beruhigen, mehr oder weniger erreichen… Heute habe ich zum erstenmal die Möglichkeit gesehen, sie in Güte und Liebe zum Nachgeben zu bringen… Ach, wenn doch…« (Er legt das Tagebuch nieder, atmet schwer, um schließlich ins Nebenzimmer hinüberzugehen und dort Licht zu entzünden. Dann kommt er noch einmal zurück, zieht sich mühsam die schweren Bauernschuhe von den Füßen, legt den Rock ab. Dann löscht er das Licht und geht, bloß in den breiten Hosen und dem Arbeitshemd, in seinen Schlafraum nebenan.)


(Für einige Zeit bleibt das Zimmer vollkommen still und dunkel. Es geschieht nichts. Man hört keinen Atemzug. Plötzlich öffnet sich leise, mit diebischer Vorsicht, die Eingangstür ins Arbeitszimmer. Jemand tappt auf bloßen Sohlen in den stockschwarzen Raum, in der Hand eine Blendlaterne, die jetzt vorgewendet einen schmalen Kegel Licht zunächst auf den Fußboden wirft. Es ist die Gräfin. Ängstlich blickt sie um sich, lauscht zuerst an der Tür des Schlafzimmers, dann schleicht sie, offenbar beruhigt, zum Schreibtisch hinüber. Die aufgestellte Blendlaterne erhellt nun mit weißem Kreis einzig den Raum um den Schreibtisch inmitten des Dunkels. Die Gräfin, von der man nur die zuckenden Hände im Lichtkreis sieht, greift zuerst nach dem zurückgelassenen Schriftstück, beginnt in nervöser Unruhe im Tagebuch zu lesen, schließlich zieht sie vorsichtig eine nach der andern von den Schreibtischladen auf, stöbert immer hastiger in den Papieren, ohne etwas zu finden. Schließlich nimmt sie mit einer zuckenden Bewegung die Laterne wieder in die Hand und tappt hinaus. Ihr Gesicht ist vollkommen verstört wie das einer Mondsüchtigen. Kaum hat sich die Tür hinter ihr geschlossen, so reißt seinerseits Tolstoj mit einem Ruck die Tür vom Schlafzimmer auf. Er hält eine Kerze in der Hand, und sie schwankt hin und her, so furchtbar schüttelt die Erregung den alten Mann: er hat seine Frau belauscht. Schon stürzt er ihr nach, schon faßt er die Klinke der Eingangstür, plötzlich aber wendet er sich gewaltsam um, stellt ruhig und entschlossen die Kerze auf den Schreibtisch, geht zur Nachbartür an der andern Seite und klopft ganz leise und vorsichtig an.)


Tolstoj (leise): Duschan… Duschan…


Stimme Duschans (vom Nebenzimmer her): Seid Ihr es, Leo Nikolajewitsch?


Tolstoj: Leise, leise, Duschan! Und komm sofort heraus…


Duschan (kommt aus dem Nebenzimmer, auch er nur halb bekleidet.)


Tolstoj: Wecke meine Tochter Alexandra Lwowna, sie soll sofort herüberkommen. Dann laufe rasch hinab in den Stall und befiehl Grigor, die Pferde einzuspannen, aber ganz leise soll er es tun, damit niemand im Hause etwas merkt. Und daß du mir selber leise bist! Zieh keine Schuhe an, und gibt acht, die Türen knarren. Wir müssen fort, unverzüglich – es ist keine Zeit zu verlieren.


(Duschan eilt fort. Tolstoj setzt sich hin, zieht sich entschlossen die Stiefel wieder an, nimmt seinen Rock, fährt hastig hinein, dann sucht er einige Papiere und rafft sie zusammen. Seine Bewegungen sind energisch, aber manchmal fieberhaft. Auch während er jetzt am Schreibtisch einige Worte auf ein Blatt wirft, zucken seine Schultern.)


Sascha (leise eintretend): Was ist geschehen, Vater?


Tolstoj: Ich fahre fort, ich breche aus… endlich… endlich ist es entschieden. Vor einer Stunde hat sie mir geschworen, Vertrauen zu haben, und jetzt, um drei Uhr nachts, ist sie heimlich in mein Zimmer eingebrochen, die Papiere zu durchwühlen… Aber das war gut, das war sehr gut… nicht ihr Wille war das, das war ein anderer Wille. Wie oft habe ich Gott gebeten, er möge mir ein Zeichen schenken, wenn es Zeit ist – nun ward mir’s gegeben, denn jetzt habe ich ein Recht, sie allein zu lassen, die meine Seele verlassen hat.


Sascha: Aber wohin willst du, Vater?


Tolstoj: Ich weiß nicht, ich will es nicht wissen… Irgendwohin, nur fort aus der Unwahrhaftigkeit dieses Daseins… irgendwohin… Es gibt viele Straßen auf Erden, und irgendwo wartet schon ein Stroh oder ein Bett, wo ein alter Mann ruhig sterben kann.


Sascha: Ich begleite dich…


Tolstoj: Nein. Du mußt noch bleiben, sie beruhigen… sie wird ja rasen… ach, was wird sie leiden, die Arme!… Und ich bin es, der sie leiden macht… Aber ich kann nicht anders, ich kann nicht mehr… ich ersticke sonst hier. Du bleibst hier zurück, bis Andrey und Serjoschka eintreffen. Dann erst reise mir nach, ich fahre zuerst ins Kloster von Schamardino, um Abschied zu nehmen von meiner Schwester, denn ich spüre, die Zeit des Abschiednehmens ist für mich gekommen.


Duschan (hastig zurück): Der Kutscher hat eingespannt.


Tolstoj: Dann mach dich selber fertig, Duschan, da die paar Papiere steck zu dir…


Sascha: Aber Vater, du mußt den Pelz nehmen, es ist bitterkalt in der Nacht. Ich will rasch noch wärmere Kleider für dich einpacken…


Tolstoj: Nein, nein, nichts mehr. Mein Gott, wir dürfen nicht mehr zögern… ich will nicht mehr warten… sechsundzwanzig Jahre warte ich auf diese Stunde, auf dieses Zeichen… mach rasch, Duschan… es könnte uns jemand noch aufhalten und hindern. Da, die Papiere nimm, die Tagebücher, den Bleistift…


Sascha: Und das Geld für die Bahn, ich will es holen…


Tolstoj: Nein, kein Geld mehr! Ich will keines mehr anrühren. Sie kennen mich an der Bahn, sie werden mir Karten geben, und weiter wird Gott helfen. Duschan, mach fertig, komm. (Zu Sascha:) Du, gib ihr diesen Brief: es ist mein Abschied, möge sie mir ihn vergeben! Und schreibe mir, wie sie es ertragen hat.


Sascha: Aber Vater, wie soll ich dir schreiben? Sofort erfahren sie, nenne ich an der Post den Namen, deinen Aufenthalt und jagen dir nach. Du mußt einen falschen Namen annehmen.


Tolstoj: Ach, immer lügen! Immer lügen, immer wieder sich die Seele erniedern mit Heimlichkeiten… aber du hast recht… Komm doch, Duschan!… Wie du willst, Sascha… es ist ja nur zum Guten… also wie soll ich mich nennen?


Sascha (denkt einen Augenblick nach): Ich unterschreibe alle Depeschen mit Frolowa, und du nennst dich T. Nikolajew.


Tolstoj (schon ganz fieberhaft vor Eile): T. Nikolajew… gut… gut… Und nun lebe wohl (er umarmt sie). T. Nikolajew, sagst du, soll ich mich nennen. Noch eine Lüge, noch eine! Nun – gebe Gott, dies möge meine letzte Unwahrheit vor den Menschen sein.


(Er geht hastig ab.)

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